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  • Stauder und die Frecce.

    Im Namen der Plattform Heimat in der SVP kritisiert der Bürgermeister von Lana, Harald Stauder, einen am Monatsende geplanten Auftritt der italienischen Heereskunstflugstaffel in Südtirol. In einem sensiblen Gebiet wie dem unseren — das Argument könnte von sein — sei eine derartige Vorführung nicht angebracht, so Stauder. Seine ablehnende Stellungnahme rundet er mit ökologischen und wirtschaftlichen Begründungen ab.

    Dreimal sollen die Frecce Tricolori am 25. September die Landeshauptstadt überfliegen und dabei die italienischen Nationalfarben an den Himmel malen.

    Einerseits kann ich nur erfreut sein, dass eine solch unpassende Show endlich öffentlich problematisiert wird. Doch andererseits muss man Stauder leider auch seine totale Unglaubwürdigkeit vorwerfen. Denn während er in diesem Fall vor dem nationalistischen — ja kolonialistischen — Beigeschmack der Übung warnt, war ihm im Fall des Burschenschaftertreffens in Algund die ethnische Sensibilität unseres Landes so egal, dass er die Rechtsextremen gern in seine Gemeinde eingeladen hätte. Und auch sonst nimmt er es mit der Rücksicht auf andere, zumal Minderheiten, keineswegs so ernst.

    Dass die Partei, für die er nun in den Landtag einziehen möchte, eine Koalition mit den neofaschistischen Brüdern (deren Parteiname übrigens eine klare Bezugnahme auf die blutrünstige, antiösterreichische Nationalhymne ist) bis dato nicht ausschließen will, lässt sich mit der von Stauder geforderten Sensibilität ebensowenig in Einklang bringen. Der Forderung seines Parteikollegen Andreas Unterkircher angeschlossen hat er sich meines Wissens ja auch nicht.

    Cëla enghe: 01 02 || 01 02 03 04



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  • Warum ein mehrsprachiges Parlament wichtig ist.
    Bewusstseinsbildung und Lerneffekt

    Mit der neuen Legislatur soll im spanischen Kongress die Mehrsprachigkeit Einzug halten: Zusätzlich zu Kastilisch werden die Abgeordneten im Plenum und in den Kommissionen des Unterhauses dann auch Baskisch, Galicisch oder Katalanisch sprechen dürfen. Von der katalanischen Nachrichtenagentur ACN befragt, haben mehrere Sprachwissenschafterinnen auf die nicht zu unterschätzende Bedeutung dieses Schrittes hingewiesen, die weit über reine Symbolik und auch über die individuellen Rechte der Abgeordneten hinausgeht. Sowohl Emili Boix, Professor der Universitat de Barcelona als auch seine Kollegin Cristina Gelpí und der UNESCO-Professor für Sprachpolitik Vicent-Climent Ferrando (beide von der Pompeu-Fabra-Universität) waren sich einig, dass diese Neuerung ein wichtiger Beitrag zur Normalisierung der Mehrsprachigkeit im Staat sein wird.

    Die gelebte Mehrsprachigkeit im Parlament wird Bürgerinnen der einsprachigen Regionen regelmäßig den plurinationalen Charakter des spanischen Staates vor Augen führen. Das gilt insbesondere auch für Abgeordnete und Journalistinnen, die nicht aus den mehrsprachigen Gebieten stammen, denn ihnen wird dann quasi täglich die sprachliche Vielfalt ins Bewusstsein gerufen — was auch ihre gesetzgeberische bzw. journalistische Arbeit positiv beeinflussen kann.

    Die Bürgerinnen der baskisch-, galicisch- und katalanischsprachigen Gebiete erfahren hingegen, dass ihre Sprachen auch außerhalb ihrer Regionen ernstgenommen werden und gleichberechtigt bestehen können

    Die befragten Wissenschafterinnen gaben jedoch auch zu bedenken, dass es sich bei der Plurilingualisierung des Parlaments nur um einen ersten Schritt handeln könne, auf den zum Beispiel auch die Gleichstellung der Sprachen in der Staatsverwaltung folgen müsste.

    In Italien könnte die Einführung der Mehrsprachigkeit im Parlament ebenfalls einen wichtigen Lerneffekt für Bürgerinnen, Abgeordnete und Medienvertreterinnen (vgl. 01 02 03) entfalten, doch eine entsprechende Forderung wurde meines Wissens noch gar nie artikuliert. Im Gegenteil: Selbst in den meisten Regionalparlamenten ist der Gebrauch der jeweiligen Landessprachen verboten.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05 06 || 01 02 03 04 05 06 07



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  • Medizinstudium in Österreich: Bereit sein, Teil der Lösung zu werden.

    In einem Faktencheck des Profil zum ORF-Sommergespräch mit SPÖ-Chef Andreas Babler geht es unter anderem um den Ärztinnenmangel, den es in Österreich — ganz ohne Proporz und Zweisprachigkeitspflicht — ebenfalls gibt. Dabei kommt unter anderem Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) zu Wort, der empfiehlt, das Medizinstudium künftig nur noch für jene kostenlos zu halten, die anschließend auch tatsächlich dem österreichischen Gesundheitssystem zur Verfügung stehen.

    Lösen könnte man das über eine Studiengebühr – und nur wer sich verpflichtet, nach der Promotion in Österreich als Arzt oder Ärztin zu arbeiten, kriegt ein Stipendium.

    – Thomas Czypionka im Profil

    Damit, so die Überlegung, könnte die Zahl der Ärztinnen im Land erhöht werden, ohne neue Studienplätze schaffen zu müssen, die laut österreichischem Rechnungshof übrigens mehr als eine halbe Million Euro kosten — pro Ausgebildeter.

    Südtirolerinnen sind in Österreich bekanntlich inländischen Studierenden gleichgestellt, wenn sie die Matura an einer deutschen oder ladinischen Schule abgelegt haben — ein nicht zu unterschätzender Beitrag zum Minderheitenschutz. Mit Wien sollte aber rechtzeitig ausgehandelt werden, dass die Gleichbehandlung auch aufrecht bleibt, falls ein Modell umgesetzt wird, wie es Czypionka vorschlägt.

    Dass Österreich Maßnahmen ergreifen wird, um sein Gesundheitssystem zu schützen, scheint derzeit fast unausweichlich. Medizinstudentinnen sollten jedoch auch dann von etwaigen Studiengebühren befreit werden, wenn sie sich dazu verpflichten, in Südtirol zu arbeiten.

    Für die Ausgestaltung dieser Gleichstellung bieten sich freilich unterschiedliche Modelle an. So könnte zum Beispiel allen Studierenden an österreichischen Medizinfakultäten grundsätzlich angeboten werden, sich zur Arbeit in einem der beiden Länder (Österreich + Südtirol) zu verpflichten. Oder aber Studierenden aus Österreich und Südtirol wird nur angeboten, sich zur Arbeit im jeweiligen Heimatland zu verpflichten, um von der Studiengebühr befreit zu werden.

    Dazwischen gäbe es theoretisch noch weitere Möglichkeiten: Südtirolerinnen, die sich für Österreich als Arbeitsort entscheiden, könnten zum Beispiel ein geringeres Stipendium erhalten als die, die sich ausdrücklich zur Rückkehr nach Südtirol verpflichten.

    Ähnliche Regelungen hat das Land Südtirol ja bereits für die eigenen Stipendien eingeführt. Doch falls sich Österreich für ein System entscheidet, wie es Czypionka vorschwebt, könnte das für Südtirol sehr schnell zur Katastrophe oder zu einem deutlichen Gewinn (tertium non datur) werden — je nachdem ob wir es schaffen, Teil der Lösung zu werden.

    Nicht zuletzt könnte die Einführung eines derartigen Systems ein wichtiger Beitrag dazu sein, den Ärztinnenmangel auch in Südtirol abzumildern, ohne immer wieder nur den Minderheitenschutz zurückzuschrauben.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Übergriffige Emotionen.

    Im heutigen Vorausgeschickt der Tageszeitung Dolomiten stellt sich Sportreporter Andreas Vieider hinter den inzwischen durch die FIFA suspendierten Präsidenten des spanischen Fußballverbandes, Luis Rubiales. Der habe nach dem siegreichen WM-Endspiel seiner Frauschaft den »unverzeihlichen Fehler« begangen, die Fußballerin Jennifer Hermoso gegen ihren Willen auf den Mund zu küssen.

    Die angebliche Unverzeihlichkeit relativiert Vieider dabei in wenigen Zeilen gleich dreimal: mit der kurzen Dauer des Kusses, der fehlenden Gegenwehr des Opfers und »Emotionen«, die im Sport eben »übergehen« könnten.

    »Es hätte der grandiose Abschluss einer Weltmeisterschaft sein sollen. Einer WM, die dem Frauen-Fußball nochmals einen riesigen Schub verliehen hätte, was Popularität und Anerkennung angeht«, bedauert der Autor die mangelnde Unterwürfigkeit.

    Dass er sein Voraus- in Wahrheit nur hinterhergeschickt hat, hätte er doch eigentlich zu seinem Vorteil nutzen können. Denn er weiß inzwischen nicht nur, dass Hermoso sehr wohl reagiert hat, wenn auch nicht in der knappen »halben Sekunde«, die der Übergriff gedauert hat. Er weiß vor allem auch, dass der Kuss kein »Fehler« war, wie sich aus der uneinsichtigen und krass sexistischen Verteidigungs- und Angriffsrede von Rubiales unschwer ableiten lässt.

    Nur darauf, dass es für die Frauen im Sport ein äußerst zweifelhafter »Schub« gewesen wäre, wenn dieser Übergriff folgenlos geblieben wäre, hätte Vieider vielleicht selbst kommen müssen. Wobei — dass der Täter so gut wie nur noch seine Mutter auf seiner Seite hat, hätte ihm zumindest als Fährte dienen können.

    Damit aber, dass dieses Nachspiel bedauerlich ist, kann man wohl einverstanden sein. Mit einer Entschuldigung und einem freiwilligen Rücktritt hätte Rubiales das verhindern können.

    Cëla enghe: 01 02



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  • Das Buch des Fascho-Generals.

    Der italienische General und Chef des Militärischen Geographischen Instituts, Roberto Vannacci, hat im Eigenverlag ein beeindruckendes Buch veröffentlicht, in dem er unter dem Titel Verdrehte Welt1Im Original: «Il mondo al contrario» schwerst rassistische, homophobe, misogyne und ganz allgemein minderheitenfeindliche Ideen verbreitet. Im Italien von Giorgia Meloni (FdI) scheint er damit wenig überraschend einen Nerv getroffen zu haben: auf Amazon hat es der Band zum Bestseller Nummer eins im Land geschafft.

    In dem über 300 Seiten umfassenden Rundumschlag behauptet der ranghohe Staatsbedienstete unter anderem, eine Schwarze könne ungeachtet der Staatsbürgerschaft aufgrund ihres Äußeren Italien nicht im Sport vertreten. Und auch gar keine echte Italienerin sein. Homosexuelle seien »nicht normal« und Arbeitslosen wirft er Faulheit vor. Darüber hinaus plädiert er sowohl für Selbstjustiz als auch für eine Lockerung des Waffenrechts, vertritt sozialdarwinistische Ansichten und stigmatisiert Kinderlose. Er schreibt von »Menschenrassen« und plädiert für die Vorherrschaft einer Kultur über andere.

    Nur eine Minderheit fordere Inklusion und Toleranz. Doch diese Werte befähigten wiederum andere Minderheiten, der Mehrheit ihre Gefühle und Ansichten aufzuzwingen. Überhaupt fürchtet sich der Irakveteran offenbar vor Minderheiten, die seiner Ansicht nach die Demokratie gefährdeten. Seinem Ideal zufolge entscheide die Mehrheit, während sich die anderen anzupassen und unterzuordnen hätten. Ökologie, Tierschutz und Veganismus diffamiert er als eine Art Wohlstandsverwahrlosung.

    Sogar der Verteidigungsminister der rechtsrechten Regierung, Guido Crosetto, schaffte es, diesen Müll sofort als verfassungsfeindlich und als »wirres Gefasel« einzuordnen und dem Fascho-General ein Disziplinarverfahren anzuhängen. Von der Führung des kartographischen Instituts wurde er vorerst abgezogen. Das wars dann aber auch schon. Für die rechtsradikale Mehrheit wäre das Buch eine Steilvorlage gewesen, um wenigstens in einem so extremen Fall ihre demokratische Haltung unter Beweis zu stellen. Doch die Ministerpräsidentin schweigt beharrlich und ihr Vize Matteo Salvini (Lega) solidarisierte sich sogar ausdrücklich mit Vannacci. Innerhalb der Mehrheit stehen der Verteidigungsminister und die Demokratie ziemlich einsam da.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 || 01 02 03

    • 1
      Im Original: «Il mondo al contrario»


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