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  • Eine exklusive Buchhandlung.

    Als ich heute in der Landeshauptstadt war, habe ich kurz in die Nuova Libreria Cappelli gelugt, da ich mich in der Nähe befand und eine knappe Viertelstunde übrig hatte. Nicht zuletzt begeisterte Berichte über einen Laden mit sozialem Profil hatten mich neugierig gemacht. Doch was hier neben einem gepflegten Ambiente und einer ansprechenden Bücherauswahl — jedenfalls jemandem, dem die Mehrsprachigkeit ein Anliegen ist — schnell ins Auge fällt: Es gibt hier keine Bücher in deutscher Sprache. Kein einziges. Weil ich dachte, vielleicht doch etwas übersehen zu haben, habe ich noch an der Kassa nachgefragt, wurde aber freundlich auf die Europa-Buchhandlung in einer nahegelegenen Allee hingewiesen. Dort gebe es auch deutsche Bücher.

    Über diese Selbstverständlichkeit war ich ehrlich gesagt ziemlich verblüfft.

    Auch nach längerem Nachdenken fällt mir keine Buchhandlung im Land ein, wo es nicht auch wenigstens einige italienische Bücher gibt. Um eine der zwei größeren Landessprachen ganz draußen zu halten, muss man sich ja fast anstrengen, wenn man allein an das bilinguale Programm der meisten heimischen Verlage denkt. Eigentlich bin ich versucht zu sagen, die neue Cappelli könnte in einer beliebigen Stadt Italiens stehen. Doch selbst das wäre wohl falsch, denn für gewöhnlich haben Buchhandlungen dieser Größenordnung zumindest eine Ecke mit fremdsprachigen Büchern — darunter eigentlich immer auch welche auf Deutsch.

    Das wohl umso mehr, wenn es sich um einen Laden handelt, der den Anspruch erhebt, ein Mittelpunkt für die (lesenden) Menschen der Stadt zu sein.

    Cëla enghe: 01



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  • Dank KI: 110 neue Sprachen bei Google Translate.

    Im Jahr 2022 hatte Google seinem Übersetzungsdienst 24 neue Sprachen hinzugefügt, die erstmals auf Zero-Shot fußten. Das heißt, dass Google Translate in der Lage war, diese Sprachen weitgehend ohne Beispiele und ohne spezifisches Training zu erlernen. In der Folge hatte der kalifornische Konzern seine 1.000-Sprachen-Initiative angekündigt — eine Selbstverpflichtung, KI-Modelle zu entwickeln, die die 1.000 meistgesprochenen Sprachen der Erde unterstützen.

    Dank KI wird jetzt auch der Übersetzungsdienst von Google um 110 Sprachen erweitert. Das ist nahezu eine Verdoppelung. Einige davon haben nur wenige Sprecherinnen, viele (rund ein Viertel) werden auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen. Insgesamt bezieht sich die aktuelle Erweiterung auf Sprachen, die von 8% der Erdbevölkerung gesprochen werden.

    Ausschnitt Sprachenauswahl Google Übersetzer

    Zu den 110 Sprachen, die im Laufe der kommenden Tage für alle Nutzerinnen kostenlos verfügbar werden, gehören unter anderem Balinesisch, Bretonisch, Färöisch, Friaulisch, Kantonesisch, Krimtatarisch, Ligurisch, Lombardisch, Okzitanisch, Ossetisch, Romani, Sizilianisch, Schlesisch, Tibetisch, Tschetschenisch, Venetisch oder Wolof. Für das Überleben dieser Sprachen — insbesondere der weniger verbreiteten, von denen einige sich in einer Revitalisierungsphase befinden — ist die Berücksichtigung auf Google Translate von kaum zu überschätzender Bedeutung.

    Dolomitenladinisch ist aber leider noch immer nicht dabei.

    Cëla enghe: 01 02



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  • Lidl in Südtirol, Schottland, Wales und Katalonien.
    Nationalismus und Minderheitenschutz

    Der nach Anzahl seiner Filialen weltgrößte Discounter setzt in seinem Marketing in manchen — aber bei weitem nicht allen — Ländern auf plumpen Nationalismus. In Italien (einschließlich Südtirol) ist das Firmenlogo etwa an ein überdimensionales grünweißrotes Wappen mit einsprachigem Slogan gekoppelt, wie auf folgendem Foto zu sehen ist:

    Lidl Vahrn

    Auch im Vereinigten Königreich setzt Lidl auf Nationalgefühle. Doch während in England (🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿) der für das gesamte Staatsgebiet stehende Union Jack (🇬🇧) zum Einsatz kommt, ist das in Schottland, Nordirland und Wales anders.

    Alba/Schottland

    Diese Fotos zum Beispiel habe ich 2023 in einer Lidl-Filiale in Glaschu/Glasgow gemacht:

    Bilder zum Vergrößern anklicken

    Hier ist es die als Saltire bekannte schottische Flagge mit dem Andreaskreuz (🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿), die von Lidl fürs Marketing genutzt wird. Anders als in Italien geht der Discounter im Vereinigten Königreich auf die jeweilige regionale Sensibilität ein und berücksichtigt sie. Dies hat nicht nur den Vorteil, dass der banale Nationalismus nicht seine unterschwellige assimilierende Wirkung entfaltet, sondern auch, dass bewusst regionale statt »nationaler« Produkte hervorgehoben (und somit auch gefördert) werden:

    Bilder zum Vergrößern anklicken

    Das geht so weit, dass auch die Produkte der Eigenmarken mit den jeweiligen Flaggen gekennzeichnet sind. Ein Ausschnitt aus der Website von Lidl UK verdeutlicht diesen regionalisierenden Effekt:

    Ausschnitt der Website lidl.co.uk (vom 25. Juni 2024); Hervorhebungen (rote Pfeile) von mir

    Exkurs Autonomie (hier ausklappen)

    Allein in dem einen Markt in Glaschu waren mehrere Hinweise auf autonome schottische Befugnisse zu sehen, die Südtirol nicht hat: Die Lizensierung von Alkohol und die Polizei.

    Cymru/Wales

    Aus Südtiroler Sicht noch interessanter wird aufgrund der Mehrsprachigkeit der Vergleich mit Cymru. Auch dort setzt Lidl auf den örtlichen Nationalismus (🏴󠁧󠁢󠁷󠁬󠁳󠁿) bzw. auf walisischen Regionalismus, wie diese Fotos einer Filiale in Bangor zeigen, die ich ebenfalls 2023 gemacht habe:

    Bilder zum Vergrößern anklicken

    Doch hier bewirkt dies nicht nur eine Regionalisierung des Angebots, sondern geht auch mit einem Bewusstsein für die Landessprache einher:

    Bilder zum Vergrößern anklicken

    Beschilderung und Beschriftungen der Filiale sind bis ins kleinste Detail fast durchwegs zweisprachig. Dabei ist die walisische Sprache mindestens gleich prominent, in mehreren Fällen sogar erstgereiht und grafisch hervorgehoben. Das Diolch (Danke) im Kassenbereich ist im Vergleich zum englischen Thank you sogar übergroß.

    Die Produktauszeichnungen mit den Preisen sind hingegen weitgehend einsprachig englisch.

    Südtirol

    Der Vergleich mit Südtirol, wo in Bezug auf den Minderheitenschutz angeblich alles glänzt und leuchtet, ist leider beschämend. Wie die Gesetzeslage in Cymru aussieht, wäre unter die Lupe zu nehmen; doch in Südtirol gibt es im Privatsektor so gut wie keine Vorschriften zum Schutz der deutschen und der ladinischen Sprache. Und das merkt man. Bei Lidl in Vahrn (alle Fotos von dieser Woche) ist sehr vieles einsprachig italienisch, einschließlich sicherheitsrelevanter Beschilderung:

    Bilder zum Vergrößern anklicken; Unkenntlichmachung von mir

    Da wo Deutsch nicht ganz fehlt, ist es konsequent zweitgereiht und in vielen Fällen auch grafisch untergeordnet (z. B. deutlich kleiner1s. Foto ganz am Anfang dieses Beitrags).

    Lidl Vahrn

    Während in Schottland und Cymru jeweils regionale Erzeugnisse hervorgehoben werden (was auch zu einem regionaleren Sortiment führen dürfte), wird hierzulande — einsprachig — auf »100% italienische« Lebensmittel verwiesen.

    Katalonien

    Im Unterschied zu Italien und Vereinigtem Königreich setzt Lidl in Deutschland oder in Spanien (einschließlich Katalonien) im Marketing nicht auf Nationalismus. Vermutlich erhofft man sich dort davon keinen Erfolg — und das ist mir persönlich die liebste Variante.

    Aus sprachlicher Sicht ist die Lage in Katalonien — wo es eine starke Gesetzgebung zum Schutz der Landessprache im Konsumentenschutz gibt — noch einmal besser als in Cymru. Viele Informationen sind dort (im Sinne der Affirmative action2positive Diskriminierung des Schwächeren) nur in der Minderheitensprache Katalanisch verfügbar, einschließlich der Öffnungszeiten oder der aktuellen Aktionsflyer. Die Fotos habe ich 2022 im Markt von Roses gemacht:

    Bilder zum Vergrößern anklicken; alles zumindest auf Katalanisch

    Insbesondere die Produktauszeichnungen mit den Preisen sind hingegen zweisprachig Katalanisch und Kastilisch. Auch hier ist aber Katalanisch systematisch erstgereiht und sogar fett hervorgehoben.

    Lidl Roses (Katalonien)

    Auch in Katalonien werden anders als in Südtirol Produkte aus der Region beworben.

    Fazit

    Das Resümee fällt für die Südtiroler Vorzeigeautonomie geradezu ernüchternd aus. Während es die Minderheitensprachen in Cymru und — noch einmal besser — in Katalonien respektiert, schert sich Lidl in Südtirol um die deutsche Sprache kaum. Und dies obschon sich das Unternehmen dazu noch nicht einmal sprachliche Kompetenzen aneignen müsste, da sie ja im deutschen Mutterkonzern bereits vorhanden sind.

    Die Marginalisierung einer Minderheitensprache hängt eben nicht (nur) von ihrer internationalen Verbreitung ab, sondern maßgeblich von der Haltung der betroffenen Akteure sowie von den gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.

    Das plump nationalistische Marketing von Lidl hat in Südtirol zudem eine gleichmacherische, assimilierende Wirkung. Während zum Beispiel sexistisches, homophobes oder einer Religionsgemeinschaft gegenüber respektloses Marketing inzwischen zu Recht geächtet (wenngleich nicht ausgemerzt) ist, gilt Ähnliches für den Respekt nationaler Minderheiten (jedenfalls in Italien) noch immer nicht. Das »autonome« Südtirol hat dem leider wenig entgegenzusetzen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 || 01 02 03

    • 1
      s. Foto ganz am Anfang dieses Beitrags
    • 2
      positive Diskriminierung des Schwächeren


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  • L’autodeterminazione giustifica la società democratica.
    Quotation

    [Il diritto all’autodeterminazione] sta alla base della Carta delle Nazioni Unite — articolo 1 della Carta — e questo diritto è stato sviluppato in seno all’ONU nel processo di decolonizzazione. E naturalmente la decolonizzazione è stata in qualche modo percepita dagli stati europei come un processo rivolto contro di loro. Questa è la ragione perché in Europa abbiamo difficoltà a comprendere che tale concetto di diritto all’autodeterminazione dei popoli non è solamente un concetto legato alla decolonizzazione, ma un concetto fondamentale che sta alla base del principio democratico. L’autodeterminazione è ciò che crea la giustificazione di una società democratica.

    – Nicolas Levrat (per fondazione Coppieters, 2019), professore di diritto internazionale ed europeo; direttore del Dipartimento di diritto internazionale presso l’Università di Ginevra. Odierno relatore speciale sulle minoranze dell’ONU (dal 1 novembre 2023)

    Traduzione mia (visualizza l’originale)

    [The right to self-determination] is at the foundation of the UN Charter — article 1st of the Charter — and this right has been developed within the UN in the process of decolonization. And naturally, decolonization was somehow felt by European states as a process against European states. This is the reason why in Europe we have difficulties to understand that this concept of people’s right to self-determination is not only a concept linked to decolonization, but it’s a fundamental concept at the foundation of the democratic principle. Self-determination is what creates the justification for democratic society.

    (my transcription)

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 || 01 02



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  • Wirtschaftsdaten sprechen nur eine Sprache.
    Nationalbank

    Seit dem 11. Juni veröffentlicht die italienische Notenbank nach und nach die aktuelle Ausgabe der jährlichen Berichte über die Wirtschaftslage in den einzelnen Regionen und autonomen Länder des Staates. Der Band, der sich mit Südtirol und Trentino befasst, wurde am 11. Juni in Trient und am 18. Juni in Bozen vorgestellt. Die Medien haben mehrfach darüber berichtet.

    Obwohl er wichtige Wirtschaftsdaten und Indikatoren beinhaltet, ist auch der Südtirol betreffende Bericht ausschließlich in italienischer Sprache verfügbar. So ist er (obwohl die Landessprachen Deutsch und Italienisch eigentlich gleichgestellt wären) für die Mehrheit der Bürgerinnen in diesem Land, falls sie ihn — wie ich zum Beispiel — lesen möchten, nicht in ihrer Erstsprache zugänglich. Dasselbe gilt für Institutionen, Wirtschafts- und Sozialverbände, Gewerkschaften, NROs oder auch Medien in Südtirol, denen die mit öffentlichen Mitteln finanzierten und durchgeführten Studien nur auf Italienisch zur Verfügung stehen. Und nicht zuletzt haben auch Wissenschafterinnen aus dem deutschen Sprachraum, die unser Land und die entsprechenden Erkenntnisse in eine grenzüberschreitende Analyse miteinbeziehen wollten, keinen Zugang zu wichtigen Daten, wenn sie nicht Italienisch beherrschen oder die Hürde einer relativ aufwändigen Übersetzung nehmen wollen. Die Einsprachigkeit ist also insbesondere in Bezug auf Südtirol ausgrenzend und diskriminierend.

    Man stelle sich vor, das Land (zum Beispiel das Astat), die Handelskammer, das AFI oder etwa die Eurac würde wichtige Daten über Südtirol in einer regelmäßig erscheinenden Reihe nur auf Deutsch veröffentlichen. Der empörte Aufschrei würde nicht lange auf sich warten lassen. So hingegen wird dies bislang von allen schweigend hingenommen. Auch an dieser Selbstverständlichkeit erkennt man die Minorisierung einer Sprache.

    Cëla enghe: 01 02



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  • Only Excuses.
    Fanpage/FdI

    Letzte Woche enthüllte das italienische Onlineportal Fanpage, dass bei internen Veranstaltungen von Gioventù Nazionale (GN), der Jugendorganisation von Fratelli d’Italia, faschistische und nationalsozialistische Gesten und Symbole gezeigt sowie dazu passende Sprüche und Bekenntnisse geäußert werden. Schon im Jahr 2021 hatte das Portal enge Verstrickungen von FdI und Lega mit dem Rechtsextremismus aufgedeckt. Gioventù Nazionale stand zudem kürzlich in der Kritik, weil die Bewegung auf einem Transparent den Buchstaben »Z« in ihrem Namen ähnlich einer nationalsozialistischen Wolfsangel dargestellt hatte.

    Doch während die Bewegung No Excuses in Südtirol die Beendigung der Koalition der SVP mit FdI (und anderen) forderte, beschwichtigte Landeshauptmannstellvertreter Marco Galateo (FdI) damit, dass solche Dinge bei FdI und GN in Südtirol nicht vorkämen. Eine solche Feststellung ist höchst sonderbar, nachdem sich die Partei von Anfang an als Bindeglied zwischen Bozen und Rom angepriesen und auch aufgrund dessen — zur erhofften Wiederherstellung der Autonomie — in die Landesregierung gerufen wurde. Sind FdI in Südtirol und im restlichen Italien nun zwei unterschiedliche Parteien, die nichts miteinander zu tun haben?

    Das ist natürlich absurd. Doch wie dem auch sei — Indizien und Beweise für die wahre Gesinnung der Partei auch und gerade in unserem Lande hat der heutige LH-Stellvertreter oft genug selbst geliefert. Durch Verweigerung einer Distanzierung vom Faschismus, Abwesenheit am Tag der Befreiung (vgl. 01), homophobe Kampagnen, den Faschismus verharmlosende Aussagen zur Corona-Pandemie, ach so lustige Anspielungen auf faschistische Foltermethoden, freundschaftliche Besuche bei CasaPound, Reinwaschung faschistischer Symbolik, Aneignung faschistoider Propagandamethoden, Oktroyierung von Nationalgefühlen, Ablehnung der Schutzfunktion Österreichs oder die ausdrückliche Beschwörung einer Kontinuität zwischen MSI und seiner eigenen Partei.

    Die Enthüllungen von Fanpage sind also nichts Neues, sondern lediglich eine besonders verstörende Bestätigung. Die SVP indes will auch diesen Skandal offenbar einfach aussitzen. Rote Linien zieht sie nur zur Opposition.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 || 01



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  • Autoritäre Verfassungsreform: SVP gegen Südtirol.

    Gestern hat der italienische Senat in erster Lesung der autoritären Verfassungsreform der Regierung Meloni zugestimmt, mit der die Rolle der Premierministerin gestärkt und die der Staatspräsidentin und des Parlaments geschwächt wird. Das institutionelle Gleichgewicht wird also ungeniert auf die starke Frau oder den starken Mann zugeschnitten. Doch auch innerhalb des Parlaments wird die Rolle der Mehrheit gestärkt und jene der Opposition gestutzt, da ein Bonus dafür sorgt, dass die siegreiche Koalition selbst dann über eine satte Mehrheit verfügt, wenn sie in der Wählergunst nur knapp vorne liegt.

    All das ist schlecht für die Demokratie und für die Grundrechte — und es ist noch einmal viel problematischer für eine Minderheitenregion mit einer schwachen Autonomie, wie Südtirol eine ist. Schon heute regiert der Zentralstaat konstant in die Belange Südtirols hinein und das wird natürlich in einem starken, autoritär ausgerichteten Staat nicht besser, ganz im Gegenteil. Dagegen bietet die Autonomie — wenn überhaupt — nur in wenigen Bereichen einen ausreichenden Schutz, der zudem ständig unter dem Damoklesschwert eines schon heute zentralistisch ausgerichteten Verfassungsgerichts steht.

    Eine starke Zentralregierung mit einer satten Mehrheit im Parlament wird überdies nur wenig Anlass für Verhandlungen auf Augenhöhe sehen. Und während die Parlamentarierinnen aus Südtirol in der Vergangenheit oft in der Lage waren, trotz ihrer kleinen Anzahl etwas für Südtirol herauszuholen, weil knappe Mehrheiten auf ihre Unterstützung (oder zumindest auf ihre Enthaltung) angewiesen waren, wird dies in Zukunft nicht mehr der Fall sein.

    Deshalb ist es völlig unverständlich — ja inakzeptabel — dass die SVP entschieden hat, nicht gegen die undemokratische Reform zu stimmen, sondern sich zu enthalten. Parteiobmann Dieter Steger rechtfertigt dies mit dem Verständnis dafür, dass für stabilere Regierungen gesorgt werden soll. Mehr Stabilität kann auf viele Wege erreicht werden, doch mit der hier in Aussicht stehenden Demokratur wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Überspitzt formuliert: Eine Diktatur wäre noch stabiler.

    Die Volkspartei hat sich offenbar auf Gedeih und Verderb an die neofaschistische Regierungsmehrheit gebunden und ist bereit, für einen möglichen kurzfristigen Erfolg bei der Wiederherstellung der Autonomie den autoritären Umbau des Staates mitzutragen. Die damit verbundene Bedingung, dass die Vertretung Südtirols auch im neuen Parlament erhalten bleibt, ist geradezu lächerlich: Gegenüber einer übermächtigen Mehrheit werden die paar Abgeordneten aus unserem Land so gut wie gar nichts mehr ausrichten können, gerade wenn sie nicht Teil der regierenden Koalition sind.

    Meinetwegen kann sich die SVP aufgrund ihrer etwaigen Wahlerfolge weiterhin als Partei der deutschen und der ladinischen Minderheit darstellen. De facto ist sie das aber inhaltlich nicht mehr, wenn sie sich diesem undemokratischen Umbau des Staates nicht mit aller Kraft widersetzt.

    Cëla enghe: 01 02 03 || 01 02



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  • UN-Berichterstatter befürwortet Amnestie und Selbstbestimmung.
    Quotation

    Die kastilischsprachige Tageszeitung La Vanguardia aus Barcelona berichtete am Samstag unter anderem über die Positionierung des neuen Sonderberichterstatters für Minderheiten der UNO, Nicolas Levrat, zur Amnestie für die Verfolgten der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung und zum Recht auf Selbstbestimmung:

    Der UNO-Sonderberichterstatter für Minderheiten, Nicolas Levrat, hat die Rechtmäßigkeit des Amnestiegesetzes verteidigt und die Infragestellung der Norm durch die [spanische] Justiz kritisiert.

    Levrat betrachtet die Amnestie als »einen guten Schritt«, da das Eindringen der Justiz in eine »politische« Angelegenheit das politische Leben in Katalonien und Spanien »vergiftet« habe. Daher glaubt er, dass es eine Gelegenheit ist, die Angelegenheit in die Sphäre der Politik zurückzuführen.

    Der UNO-Sonderberichterstatter für Minderheiten sprach sich auch dafür aus, dass die Katalanen »über ihr Schicksal« befinden dürfen. Levrat hat daran erinnert, dass er im Jahr 2017, als er noch nicht das jetzige Amt innehatte, bereits »klar« gesagt habe, dass die Katalanen in Übereinstimmung mit den internationalen, europäischen und spanischen Gesetzen dieses Recht haben. »Ich sah damals keinen Grund, warum die Katalanen nicht abstimmen durften. Das ist die Position, die ich 2017 eingenommen habe und es ist die, die ich auch heute noch vertrete«, fügte er hinzu.

    – La Vanguardia, 15. Juni 2024

    Übersetzung von mir (Original anzeigen)

    El relator de la ONU sobre las minorías, Nicolas Levrat, ha defendido la legalidad de la ley de amnistía y ha criticado los cuestionamientos de la norma surgidos del poder judicial. […] Levrat consideró que la amnistía es “un buen paso” porque la irrupción de la justicia en un asunto “político” ha “envenenado” la vida política tanto de Catalunya como de España. Por eso cree que es “una oportunidad para devolver el asunto” al campo político. […] El relator de la ONU sobre las minorías también se mostró a favor de que los catalanes puedan decidir “su destino”. Levrat ha recordado que en 2017, cuando todavía no ostentaba el cargo que ahora defiende, ya dijo “claramente” que de acuerdo con las leyes internacionales, europeas y españolas los catalanes tienen ese derecho. “Entonces no veía ninguna razón por la que los catalanes no podían votar. Era la posición que tenía en 2017 y es la que también tengo ahora”, ha añadido.

    Der Welschschweizer Professor wurde im Oktober 2023 zum Nachfolger des Frankokanadiers Fernand de Varennes ernannt.

    Der Südtiroler EU-Abgeordnete Herbert Dorfmann (SVP) hatte sich Ende letzten Jahres sehr kritisch über das spanische Amnestiegesetz geäußert und sich damit auf die Seite der spanischen Rechten geschlagen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 || 01 02



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