→→ Archif di cuntribuć esterns →→

  • Familienbande.
    Italienische Kultur

    Vor wenigen Monaten ist der Ressort- und Amtsdirektor für italienische Kultur Antonio Lampis nach 29 Dienstjahren in der Landesverwaltung in den Ruhestand getreten. Wie nun Valentino Liberto für Salto detailreich nachzeichnete, tritt mit Gabriele Giovannetti Melchiorri ausgerechnet der Stiefsohn von Alessandro Urzì (FdI) in Lampis’ Fußstapfen. Damit wird er zum höchsten Beamten im Zuständigkeitsbereich eines Parteikollegen von Urzì, LH-Vize Marco Galateo.

    Dass auch die Gesinnung stimmt, zeigt die Tatsache, dass es Giovannetti Melchiorri 2015 für die Kleinpartei A. Adige nel cuore (AAnC) von Urzì in den Bozner Gemeinderat schaffte — bevor er 2020, als AAnC mit FdI fusionierte, als Spitzenkandidat der rechten Liste Oltre/Weiter wiedergewählt wurde.

    Giovannetti Melchiorri kam übrigens nicht über den ordentlichen Auswahlweg zu seinem neuen Job als Ressortdirektor. Vielmehr griff die Landesregierung auf die Möglichkeit einer Berufung von außen zurück. Nach dem geltenden Landesrecht setzt diese eine besondere und nachgewiesene berufliche Qualifikation voraus, die beim bereits vorhandenen Personal nicht vorhanden ist.

    Laut Salto hatte Galateo Giovannetti Melchiorri bereits seit Beginn der Legislaturperiode als seinen Wunschkandidaten für die Ressortleitung im Auge. Bei der ersten externen Ausschreibung meldeten sich zwei Bewerberinnen aus dem öffentlichen Dienst. Galateo widerrief das Verfahren. Erst nach einer Wiederholung kam es nun — dank besonderer Qualifikation des Kandidaten – zur erwünschten Ernennung.

    Hinweis: Ob Giovannetti Melchiorri auch im rechtlichen Sinn Stiefsohn von Alessandro Urzì ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Cëla enghe: 01 02 03



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Manipolazione della democraticità.
    Quotation

    [La proposta di legge elettorale] ora in esame incide anche sulla dimen­sione elet­to­rale locale, con la tra­sfor­ma­zione dei con­fini ter­ri­to­riali del col­le­gio sena­to­riale Bol­zano-Bassa Ate­sina, con lo scor­poro di sei Comuni (tra­sfe­riti ad altri col­legi) allo scopo dichia­rato di cir­co­scri­vere il numero degli elet­tori del col­le­gio agli appar­te­nenti al gruppo lin­gui­stico ita­liano e di ren­dere più con­creta l’ele­zione di un can­di­dato appar­te­nente a que­sto gruppo: si tratta di un’evi­dente mani­po­la­zione della demo­cra­ti­cità del sistema, che ancora una volta si pro­pone di pre­de­ter­mi­nare l’esito della com­pe­ti­zione, non in ragione del par­tito ma del gruppo lin­gui­stico.

    La Corte costi­tu­zio­nale, in pri­mis, con riguardo alle ele­zioni (allora) regio­nali, ha distinto fra rap­pre­sen­tanza poli­ti­ca­mente assi­cu­rata di can­di­dati dei gruppi lin­gui­stici ita­liano e tede­sco attra­verso il nor­male fun­zio­na­mento del metodo pro­por­zio­nale rife­rito alla con­si­stenza dei due gruppi lin­gui­stici e rap­pre­sen­tanza giu­ri­di­ca­mente garan­tita, attra­verso l’asse­gna­zione a priori, per legge, di un seg­gio con­si­liare a un can­di­dato del gruppo lin­gui­stico ladino. Ora, la riforma pro­po­sta per il col­le­gio sena­to­riale pro­pone una for­mula ibrida, ossia di intro­durre una rap­pre­sen­tanza poli­ti­ca­mente garan­tita ad uno dei due gruppi lin­gui­stici più con­si­stenti. Il mec­ca­ni­smo con­ferma la sua atti­tu­dine mani­po­la­to­ria, che dà del gruppo lin­gui­stico ita­liano una imma­gine impro­pria di mino­ranza che debba essere garan­tita al di là del fun­zio­na­mento ordi­na­rio della com­pe­ti­zione demo­cra­tica.

    da Pericoloso cambiare le regole, contributo apparso oggi sull’edizione sudtirolese del Corriere a firma di Roberto Toniatti, emerito di Diritto costituzionale all’Università di Trento – enfasi mia

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Der verlorene Kompass.


    Die SVP hat sich gekonnt in eine Sackgasse manövriert

    Hunderte Bürgerinnen und Bürger konnten die Schützen mobilisieren. Einmal in Tramin mit Professor Peter Hilpold und Ex-SVP-Senator Oskar Peterlini, letzthin in Neumarkt. Dort auf dem Podium gleich vier SVP-„Politiker:innen“, allesamt gegen die Auflösung des bisherigen Senatswahlkreises Bozen-Unterland.

    Was auffällt, es waren nicht nur Schützen und andere „Patrioten“ auf den beiden Veranstaltungen, sondern auch viele SVP-Wählende, Grüne, italienischsprachige Unterlandler:innen, interessierte und deshalb aufgebrachte Bürger:innen. Eine interethnische Allianz, die »deutschnationalen« und rechtskonservativen Schützen machen es möglich.

    Und die SVP-Führung? Sie steht abseits, die Wochenzeitung ff schreibt von einem Desaster. Die Parteispitze, die an ihrer Basis vorbei und über ihre Köpfe hinweg vollendete Tatsachen schaffen wollte. Was hat sich die SVP dabei gedacht, fragt sich die ff. Die Antwort, offensichtlich hat sich die SVP verdealt.

    Eine weitere Antwort lieferte der Eppaner SVP-Gemeinderat Martin Haller. Er stimmte der Erklärung des Gemeinderates gegen die Neueinteilung des Senatswahlkreises nicht zu, gemeinsam mit den zwei italienischen Räten. Er könne das Anliegen der Italiener verstehen, zitierte Salto Martin Haller. So als ob die Italiener:innen alle Fratelli d’Italia wählten.

    Wahrscheinlich sieht das der LVH-Obmann Haller so. Wie auch der Bozner LVH-Funktionär Hannes Mussak, der sich bei den letzten Gemeindewahlen in Bozen frühzeitig für die Unterstützung des rechten Bürgermeisterkandidaten Claudio Corrarati aussprach. Die SVP-Wirtschaft und ihre Vorlieben für rechts?

    Schon vergessen, wie Kammerabgeordneter Alessandro Urzì (FdI) die Wahl von Giovanni Seppi (SVP) zum Bürgermeister von Leifers als einen italienischen Weltuntergang skizzierte? »Der Fall Leifers wird als eines der schlimmsten Kapitel der Lokalpolitik in Südtirol eingehen«, sagte Urzì auf Rai Südtirol. Mit demokratischen Wahlen scheint Urzì reale Probleme zu haben. 

    Sein Problem, in der mehrheitlich italienischsprachigen Gemeinden wählten offensichtlich auch viele italienischsprachige Bürger den SVP-Kandidaten. Das Absurde, Bürgermeister Seppi koaliert mit der italienischen Rechten.

    Ähnlich Salurn. Auch dort stellen die Italiener:innen die Bevölkerungsmehrheit und trotzdem hält die SVP die Mehrheit im Gemeinderat. Rächt sich Urzì also mit seinen Wahlkreis-Plänen an diesen italienischen Wählenden, die nicht der Trikolore seiner Partei folgen? Und die SVP hilft auch noch mit?

    Beispielsweise: Wie kann die SVP einer »Kannbestimmung« in der Autonomiereform zustimmen, dass künftig die Landesregierung auf Grundlage der Volkszählung »ethnisch« zusammengesetzt werden kann und nicht auf der Basis der Anzahl italienischer Mandatar:innen im Landtag? Die Volkszählung als politische Wahl? Ja geht’s noch!

    Die SVP irrlichtert durch die politische Landschaft. Und die Schützen bieten den Unterlandler:innen, egal welcher Sprachgruppe und politischen Orientierung, eine Plattform des Protests gegen die Auflösung Senatswahlkreises Bozen-Unterland.

    Auf der Neumarkter Schützenveranstaltung dominierte auf dem Podium die SVP. Wahrscheinlich auch im Publikum. Viele bekannten sich in ihren Redebeiträgen zum Antifaschismus, versäumten es aber, sich von deutschen Rechtsradikalen abzugrenzen.

    Und einige spielten das Spiel von Urzì. Wenn beispielsweise die italienischen Parteien aufgerufen werden, nicht getrennt, sondern gemeinsam zu »marschieren«, also eine Art italienische Volkspartei zu probieren, freut sich Urzì. Durchgedacht würde das bedeuten, dass künftig kein deutschsprachiger Kandidat oder deutschsprachige Kandidatin in den Senat gewählt werden könnte.

    Das Labor Unterland-Überetsch ist für Südtirol zu wertvoll, als es dem gewieften Fratello Urzì zu schenken. Aber es scheint schon zu spät zu sein. Schade.


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Gegenvorschlag zum Gerrymandering.

    Zur Absicht des FdI-Abgeordneten Alessandro Urzì, den bisherigen Senatswahlkreis Bozen-Unterland zu entstellen, um die Chancen italienischer Kandidatinnen — möglichst aus dem rechten Lager — zu maximieren und Kandidatinnen der deutschen Sprachgruppe jeder realistischen Erfolgsmöglichkeit zu berauben, liegt ein interessanter Alternativvorschlag vor.

    Ich beziehe mich dabei natürlich nicht auf die wahnwitzige SVP-Idee, die das Ansinnen von Urzì noch verschlimmern möchte, und dies mit der Ausrede begründet, das Unterland nicht zu teilen.

    Es geht vielmehr um einen Beschlussantrag (Nr. 453/26) von Andreas Leiter Reber, den auch das Team K, die Grünen und Thomas Widmann mitunterzeichnet haben. Darin wird ein Paradigmenwechsel gefordert: Wie bei der Landtagswahl soll es demnach auch bei den Parlamentswahlen fortan nur noch einen einheitlichen Südtiroler Wahlkreis geben, bei dem die unserem Land vorbehaltenen Sitze in Kammer und Senat nach dem Verhältniswahlrecht vergeben werden. Gleichzeitig sollen Vorkehrungen getroffen werden, um eine bestmögliche Vertretung der deutschen, ladinischen und italienischen Sprachgruppe sicherzustellen.

    Damit wird der Vorschlag von Urzì quasi auf den Kopf gestellt. Statt Wahlkreise so zuzuschnipseln, dass gewisse politische Lager bzw. eine Sprachgruppe bessere Chancen erhalten, während ein Teil der Bevölkerung entmündigt wird, soll der einheitliche Wahlkreis dafür sorgen, die sprachliche und politische Realität im Land so gerecht wie möglich abzubilden.

    Um dieses Ziel zu erreichen, soll der Landtag die von ihm entsandten Vertreterinnen in den paritätischen Kommissionen beauftragen, die nötigen Änderungen voranzubringen — einschließlich einer Anpassung der Sperrklauseln, um den Minderheitenschutz zu gewährleisten. Parallel dazu soll auch die Landesregierung den Auftrag erhalten, sich auf allen politischen Ebenen für dasselbe Ziel stark zu machen.

    Der einheitliche Wahlkreis könnte die Idee der Trennung überwinden und zudem eine fairere Vertretung Südtirols in Rom ermöglichen. Das derzeitige System mit Einpersonenwahlkreisen berücksichtigt nur die Erstplatzierten in jedem Wahlkreis und begünstigt somit in der Regel die SVP — die bisher auch als einzige in der Lage war, die regionale Sperrklausel für Minderheitenparteien zu erreichen.

    Ausdrücklich positiv zu bewerten ist aus meiner Sicht die Berücksichtigung der ladinischen Sprachgruppe in dem Vorschlag, die eine Sicherstellung oder zumindest eine Begünstigung der eigenen Vertretung wennschon am dringendsten benötigen würde.

    Einpersonenwahlkreise erzwingen ein künstliches Entweder-Oder, das mit der besonderen Situation unseres Landes nur schwer in Einklang zu bringen ist.

    Cëla enghe: 01 02 03 || 01



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Ethnisch. Ethnischer. Am ethnischsten.


    von Brigitte Foppa

    Je besser wir uns trennen, desto besser verstehen wir uns. Der alte Wahlspruch der Südtiroler Volkspartei — er wird Anton Zelger zugeschrieben — hat an seiner Macht leider nichts verloren. Wir sehen es an der »Lösung« zur Thematik des Senatswahlkreises Bozen-Unterland, die jetzt von der SVP Unterland ins Felde geführt wird.

    Alessandro Urzì, Fratello d’Italia und Koalitionspartner der SVP, Rechtsaußen-Stratege im römischen Parlament, hatte den ersten Schritt gemacht und vorgeschlagen, die Gemeinden rechtsseitig der Etsch dem Wahlkreis Meran zuzuordnen. Auf der anderen Seite sollte Aldein zu Brixen kommen. Der Protest im Unterland will seitdem nicht enden. Für den Widerstand gibt es durchaus unterschiedliche Motivationen, auf jeden Fall gelten folgende Feststellungen:

    1. Bisher war der Wahlkreis Bozen-Unterland jener, in dem es einen offenen Wahlausgang und damit einen demokratischen Wettbewerb gab, von dem man anderswo nur träumen konnte. Und
    2. bisher hat man im Unterland immer transethnisch gewählt. Jeder Kandidat musste schauen, wie er auch die Stimmen der anderen Sprachgruppe »zusammenklaubte«. Das haben Oskar Peterlini und Francesco Palermo gleichermaßen gemacht wie zuletzt Gigi Spagnolli.

    Für uns im Unterland war das immer ein Gewinn gewesen. Es war normal.

    Für den ultraethnischen Urzì war das kein Fuhrwerk. Seinen Moment der Macht über die SVP hat er genutzt, um aus diesem besonderen Wahlkreis, in dem es natürlich war, jenen zu wählen, der einem ideell am nächsten stand, einen zu machen, in dem »der Italiener« gewählt werden soll.

    Nach den Protesten legt die SVP Unterland noch eins drauf. Sie führt den ethnischen Diskurs von Urzì weiter und schlägt vor, den Wahlkreis frisch auf Bozen, Leifers und Pfatten (oder Branzoll?) einzugrenzen. Der »italienische« Wahlkreis würde damit sanktioniert.

    Es ist die Logik des Trennens, die immer weiter getrieben wird. Vielleicht haben wir es dann irgendwann so weit, dass alle Italiener:innen in Bozen/Leifers/Pfatten wohnen, und der Rest Südtirols ist dann »italienerbefreit«. In der Repräsentanz würde das mit diesem Vorschlag schon einmal vorgelebt.

    Dazu kann man nur sagen: NEIN! Das Unterland hatte die Logik der Trennung der Sprachgruppen längst überwunden. Hier, wo man seit ewigen Zeiten miteinander lebt, italienische Familiennamen und deutsche Vornamen hat, wo viele immer noch eine Nona haben und vielleicht einen italienischen Schwiegersohn, hier achtet man sehr auf das Eigene — gerade der Kontakt mit dem Anderen hat dazu geführt, die deutsche Sprache und Kultur sehr zu schätzen und sich um ihren Schutz zu bemühen. Und man hat gerade deshalb keine Angst, sich zu berühren, und sich eben von dem vertreten zu lassen, der es schafft, beide Gruppen anzusprechen.

    Je besser wir uns kennen, desto besser verstehen wir uns. Dieses Gegenkonzept gegenüber der Trennung der Sprachgruppen in Südtirol, es liegt immer entfernter statt näher.

    Brigitte Foppa ist Landtagsabgeordnete der Südtiroler Grünen.


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Für ein anderes Südtirol!


    Wagen wir doch das Experiment einer autonomistischen Territorialpartei

    Was für ein Eiertanz! SVP-Obmann Dieter Steger scheinen die Worte und Argumente zu fehlen im Fall des Urzì-Vorschlags einer Neuziehung des Senatswahlkreises Bozen-Unterland.

    Die vom SVP-Koalitionspartner Fratelli d’Italia geplante Ausgliederung mehrheitlich deutschsprachiger Gemeinden schmeckt nach Gerrymandering à la MAGA. Präsident Donald Trump und seine Republikaner zerschlagen schwarze Wahlbezirke, um »weiße« Wahlsiege zu garantieren.

    Simon betitelte das Urzì-Projekt als »rechts-nationalistisches Gerrymandering«. Erst nach den heftigen Protesten im Unterland, quer durch die politische Landschaft, von den Schützen über die SVP-Bürgermeister, Grüne, Team K bis zum Partito Democratico/Demokratische Partei, versuchte die SVP ihre Position zu klären. Die Volkspartei erschrak ganz offensichtlich über den lautstarken Protest. Die Haltung der Partei im Parlament skizzierte Christoph Franceschini in der Neuen Südtiroler Tageszeitung minutiös nach. Peinlich.

    Es scheint, die SVP hat ihre Bodenhaftung verloren. Bei den eigenen Leuten. Wohl auch deshalb verliert die SVP von Wahl zu Wahl. Ein Grund mehr, sich eine Alternative zur SVP vor- und aufzustellen. Konsequent pro-autonomistisch, sozial, liberal, sprachgruppenübergreifend, grenzüberschreitend nord- und südwärts.

    Ist die genehmigte Autonomiereform erkauft worden? Ist die Neuziehung des Senatswahlkreises Bozen-Unterland Teil eines möglichen Deals? Politikwissenschaftler Günther Pallaver spricht deshalb von einer Trumpisierung der SVP. Anwalt und Bozner SVP-Kommunalpolitiker Marco Manfrini sieht in der geplanten Änderung des Senatswahlkreises Bozen-Unterland eine Aufhebung der Paketmaßnahme 111. Diese verpflichtete Italien dazu, dass »die Teilnahme der Vertreter der italienischen und deutschen Sprachgruppen der Provinz Bozen im Parlament im Verhältnis zur zahlenmäßigen Stärke der Gruppen« ermöglicht wird.

    Im Parlament protestierten die Vertreter des Partito Democratico energisch gegen das Vorhaben. In Südtirol setzte sich dieser Protest, von den Schützen auf ihrer Veranstaltung in Tramin kanalisiert, parteienübergreifend fort. Die Argumente mögen unterschiedlich gewesen sein, warum daraus nicht mehr machen?

    Ist es nicht an der Zeit, das politische Schrebergärtentum endlich aufzugeben? Warum rücken Grüne, Team K, Partito Democratico, moderate Südtiroler Rechte nicht zusammen, zu einer Territorialpartei, für Vollautonomie, für eine nachhaltige Sozial- und Wirtschaftspolitik zugunsten der Bevölkerung? Eine Territorialpartei, im Land verankert und verwurzelt, sprachgruppenübergreifend, die auch für SVP-Leute attraktiv wird? Eine autonomistische Territorialpartei, weit abseits von den angeblichen »Patrioten«, die sich inzwischen ungeniert rechtsextrem positionieren, die AfD und die Identitären als Vorbild.

    »Außenpolitisch« gilt der Pariser Vertrag mit seinem klaren minderheitenrechtlichen Auftrag, als Erbe das »Zweite Autonomiestatut« und zum Weiterentwickeln der abgewickelte Autonomiekonvent mit seinen teilweise konträren Positionen. Im Disput — im Land — die Autonomie weiterentwickeln!

    Vollautonomie für Südtirol, Bundesstaat Italien, grenzüberschreitende Regionen als Klammern für die künftigen Vereinigten Staaten von Europa, warum nicht neue Perspektiven andenken, träumen vom anderen Südtirol abseits kleinlicher Paragraphen?

    Die Pragmatiker mögen ihre Köpfe schütteln, das Leben ist kein Wunschkonzert. Aber warum weitermachen wie bisher, sich ständig anpassen, die Autonomie nur mehr mit einer Pinzette weiterentwickeln, wie Ex-Parlamentarier Karl Zeller in der Neuen Südtiroler Tageszeitung empfahl? Erschreckend, wie SVP-Geschäftsführer Karl Pichler Proteste als Eskalation brandmarkt und vor einer maximalen Konfrontation mit Italien warnt. Kritik und Protest, Eskalation, Konfrontation? Also Kuschelkurs, vorzeitige Unterwerfung statt Disput und Widerstand?

    Der Aufruhr im Unterland ist doch ein Zeichen dafür, dass die Bürger:innen ihre autonomiepolitische Lethargie aufgeben. Sie verteidigen einen Wahlbezirk, in dem reale Wahlen stattfinden, ihre Stimmen zählen, Menschen verschiedener Sprachgruppen zusammenschauen. Die Unterlandler:innen verteidigen die Autonomie und die Demokratie. Eskalation, Konfrontation?

    Und, ist in diesem Land nicht einiges schiefgelaufen? Junge Südtiroler:innen, die nicht mehr zurückkehren, wegen dürftiger Löhne, teurer Mieten, hoher Lebenshaltungskosten. Da müssten die Alarmglocken schrillen.

    Das Land ist zu einem Paradies für die Notabeln geworden, die sich die Autonomie für ihre Bedürfnisse richten. Die Autonomie als Steinbruch für jene, die die Zulassung dafür haben.

    Ist es nicht an der Zeit, diesen Zustand zu ändern? Gemeinsam, sprachgruppenübergreifend, strikt autonomistisch für die Leute und für das Land?


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Deutsch als Wohlfühlprogramm.

    Ich hatte das Thema vor wenigen Tagen schon in einem Kommentar angeschnitten: Elio Dellantonio, Primararzt i. R. und hochrangiges PD-Mitglied, hat auf Salto einen Beitrag veröffentlicht, mit dem er sich wieder gegen Zweisprachigkeitspflicht und Proporz wendet. Dabei wirft er die beiden Ebenen auch noch in einen Topf, obwohl es sich um zwei voneinander unabhängige Maßnahmen handelt.

    Im Grunde stehen in Südtirol sämtliche Minderheitenschutzvorkehrungen — Zwei-/Dreisprachigkeitspflicht, Proporz, Sprachgruppenerhebung, Ansässigkeitsklausel, muttersprachliche Schule — bis hin zur Minderheitensprache selbst von italienischer Seite permanent und systematisch unter Druck. Auch das Bekenntnis zu einem von der nationalen Einheitsidentität abweichenden Zugehörigkeitsgefühl wird kaum geduldet.

    Jedenfalls aber ist das, was Dellantonio über die Zweisprachigkeitspflicht schreibt, sehr aufschlussreich:

    Der Zweiprachigkeitsnachweis sollte die Kenntnis der Sprachen bescheinigen, die für das Funktionieren einer tatsächlich zweisprachigen öffentlichen Verwaltung erforderlich sind. Stattdessen ist er für einen wachsenden Teil jener, die eine Arbeit im öffentlichen Dienst anstreben, vor allem zu einer formalen Verpflichtung, einem Hindernis und oft zu einem Albtraum geworden. Das Ergebnis ist paradox: Eine Maßnahme, die geschaffen wurde, um die Zweisprachigkeit zu gewährleisten, droht zu einem der Faktoren zu werden, die vom Erlernen und spontanen Gebrauch der anderen Sprache abhalten. Deutsch wird dadurch von einer Chance zur persönlichen Weiterentwicklung und zur Begegnung mit einer anderen Kultur zu einer formalen bürokratischen Hürde, die es zu überwinden gilt. Zweisprachigkeit sollte genau das Gegenteil sein: eine Kompetenz, die man mit Interesse, Neugier und Natürlichkeit erwirbt, und keine administrative Verpflichtung, vor der man sich fürchten muss. Der Zweisprachigkeitsnachweis hat eine äußerst wichtige symbolische und rechtliche Funktion. Er ist das Instrument, das gewährleistet, dass sich das, was vor hundert Jahren geschah — der Machtmissbrauch, die Demütigung und der Versuch des Faschismus, die Südtiroler Sprache, Kultur und Identität auzulöschen —, nicht wiederholen kann. Dieser Schutz darf jedoch nicht in ein unveränderliches Prinzip verwandelt werden, das einer Realitätsprüfung in der Gegenwart entzogen ist, 80 Jahre nach dem Sturz des Nazifaschismus, der die Gefahr beseitigt hat. Im Gegenteil: Diese Minderheit ist heute eine der am besten geschützten, gefestigsten und wohlhabendsten nationalen Minderheiten Europas und der Welt. Ihre Sprache, Kultur, Autonomie und Vertretung in den Institutionen sind umfassend gewährleistet.

    – Elio Dellantonio (PD)

    Übersetzung von mir (Original anzeigen)

    Il patentino dovrebbe certificare la conoscenza delle lingue necessarie al funzionamento di una pubblica amministrazione realmente bilingue. Invece, per una parte crescente di coloro che aspirano a lavorare nel settore pubblico, è diventato soprattutto un obbligo formale, un ostacolo e spesso un incubo. Il risultato è paradossale: uno strumento nato per garantire la certificazione del bilinguismo rischia di diventare uno dei fattori che disincentivano l’apprendimento e l’uso spontaneo dell’altra lingua, trasformando il tedesco da occasione di crescita e di relazione con un’altra cultura in una barriera burocratica formale da superare. Il bilinguismo dovrebbe essere esattamente il contrario: una competenza da acquisire con interesse, curiosità e naturalezza, non un adempimento amministrativo da temere. Il patentino incarna una funzione simbolica e giuridica importantissima. Esso rappresenta lo strumento che garantisce che ciò che accadde cento anni fa — la prevaricazione, l’umiliazione e il tentativo di cancellazione della lingua, cultura e dell’identità sudtirolese da parte del fascismo — non possa più ripetersi. Tutela, però, che non può essere trasformata in un principio immutabile, sottratto alla verifica della realtà nel presente, a 80 anni dalla caduta del nazifascismo che ha eliminato il rischio. Al contrario, quella minoranza è, oggi, una delle minoranze nazionali più tutelate, solide e prospere d’Europa e del mondo. La sua lingua, cultura, autonomia e presenza nelle istituzioni sono ampiamente garantite.

    – Elio Dellantonio (PD)

    Die Kenntnis der deutschen Sprache — wir brauchen uns gar nicht vorzumachen, dass es auch um die italienische Sprache geht — soll im öffentlichen Dienst also nicht mehr in erster Linie eine Voraussetzung dafür sein, die Rechte der deutschsprachigen Bevölkerung zu gewährleisten, sondern eine Art Wohlfühlprogramm für die Beschäftigten.

    Mit solch abwegigen Forderungen, die wohl kaum frei von Hintergedanken sind, ist Dellantonio in der italienischen Sprachgruppe nicht alleine.

    Weltweit und auch in Italien dienen Zertifikate ganz selbstverständlich dazu, Sprachkenntnisse nachzuweisen. Das ist, wie jedes Kind weiß, keine Südtiroler Erfindung und kein Alleinstellungsmerkmal. Der Zweisprachigkeitsnachweis soll sicherstellen, dass eine öffentliche Verwaltung, die gesetzlich dazu verpflichtet ist, mit der Bevölkerung in ihrer Sprache zu verkehren, diese Pflicht auch gewährleisten kann.

    Niemand würde auf die Idee kommen, zu verlangen, dass Pilotinnen die zur Berufsausübung erforderlichen Sprachkenntnisse »mit Interesse, Neugier und Natürlichkeit« spontan und ohne Verpflichtung erwerben.. Genauso wenig wird man fordern, dass Prüfungen im Medizinstudium durch freiwilliges Lernen ersetzt werden, um ja niemanden abzuschrecken. Wird dann im Operationssaal schon alles gut gehen.

    Wenn es aber darum geht, die Rechte und den Schutz einer Minderheit zu gewährleisten, wird eine überall sonst völlig übliche Praxis plötzlich zu einer überflüssigen Schikane, einer Art legalisierter Folter, hochstilisiert. In dieser absurden Erzählung stehen nicht die verbrieften Rechte der Minderheit auf einen öffentlichen Dienst im Mittelpunkt, der selbstverständlich auch ihre Sprachrechte und ihre Unversehrtheit zu garantieren hat, sondern die zarten Seelen von Ärztinnen und Pflegepersonal, die sich unverbindlich an der Sprache ihrer Patientinnen »persönlich weiterentwickeln« sollen. Als wäre der öffentliche Gesundheitsbetrieb ein Sommercamp oder ein Wellnessbereich für Medizinerinnen — und nicht in erster Linie eine unerlässliche Dienstleistung für die Bevölkerung.

    Aus dem Privatsektor und aus jenem Teil des öffentlichen Dienstes, für den keine Zweisprachigkeitspflicht herrscht, wissen wir ja, wie gut das mit dem spontanen Erlernen der Zweitsprache funktioniert. Nämlich meistens gar nicht. Auch die Politik, wo die Beherrschung der deutschen Sprache weitgehend der Muse von Landesrätinnen und Abgeordneten überlassen ist, kann als Beispiel dienen.

    Keine Sprachminderheit weltweit überlebt und prosperiert dank des freiwilligen Entgegenkommens der Mehrheitsbevölkerung — jedenfalls nicht ohne klare und einforderbare Schutzmaßnahmen.

    Dellantonio und andere, die ähnlich wie er argumentieren, schlagen auch keine alternativen Mechanismen vor, mit denen die Sprachrechte der Bevölkerung und der Fortbestand der deutschen Sprachgruppe konkret gewährleistet werden könnten. Der ehemalige Primar beruft sich vielmehr ausgerechnet auf den (angeblichen) Erfolg der bestehenden Maßnahmen: Weil die deutsche Sprachgruppe gut geschützt und wirtschaftlich erfolgreich sei, müsse der Schutz gar nicht mehr aufrecht erhalten werden, so die absurde Logik. Diese Einstellung als »minderheitenfeindlich« einzustufen, ist also keineswegs übertrieben, sondern notwendig.

    Auch die Behauptung, der Sturz des Faschismus habe »die Gefahr beseitigt«, ist an Naivität — oder Böswilligkeit — schwer zu überbieten. Die Gefahr für Minderheitensprachen besteht nicht erst dann, wenn versucht wird, sie gewaltsam zu unterdrücken. In Südtirol selbst wurde die faschistische Majorisierungspolitik auch in der Nachkriegszeit munter fortgeführt. Und auch heute stehen weltweit Minderheiten unter Druck, wobei Assimilation in den allermeisten Fällen ziemlich unspektakulär abläuft: Die Mehrheitssprache ist zahlenmäßig stärker, hat einen deutlich besser abgesicherten rechtlichen Status und ist im gesamtstaatlichen Kontext allgegenwärtig. Zudem wird sie von der Minderheit meist deutlich besser beherrscht als deren Sprache von der Mehrheitsbevölkerung.

    Das Wiedererstarken minderheitenfeindlicher und autoritärer politischer Ideologien, wie es auch und gerade in Italien zu beobachten ist, trägt ebenfalls nicht dazu bei, die Lage zu verbessern.

    Genau deshalb reicht es nicht, darauf zu vertrauen, dass die Mehrheit die Minderheitensprache im Sinne eines freiwilligen Entgegenkommens oder aufgrund von Neugier erlernt. Sprachrechte müssen gesetzlich gewährleistet sein, sonst sind sie letztlich vom enden wollenden guten Willen der Mehrheit abhängig.

    Auch eine der am besten geschützten nationalen Minderheiten genießt übrigens nur einen kleinen Bruchteil der strukturellen Absicherung, die einer Mehrheitsgesellschaft in jedem Nationalstaat selbstverständlich zur Verfügung steht — und deshalb steht auch Südtirol so oft in der Defensive.

    Über eine Weiterentwicklung der Schutzinstrumente kann man natürlich gerne diskutieren. Wer sie aber abschwächen oder beseitigen will, ohne gleichwertigen Ersatz anzubieten, nimmt letztendlich die Assimilierung billigend in Kauf.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.

You are now leaving BBD

BBD provides links to web sites of other organizations in order to provide visitors with certain information. A link does not constitute an endorsement of content, viewpoint, policies, products or services of that web site. Once you link to another web site not maintained by BBD, you are subject to the terms and conditions of that web site, including but not limited to its privacy policy.

You will be redirected to

Click the link above to continue or CANCEL