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  • Der koloniale Blick von Rai Südtirol.


    Über »3 Frauen, 1 Ziel: Uganda – Wo Hilfe Zukunft schafft«

    Eine kürzlich erschienene Dokumentation von Rai Südtirol begleitet eine Delegation aus Südtirol, der unter anderem auch Landesrätin Rosmarie Pamer (SVP), Beatrix Mairhofer und Irene Obwexer (Diözese Bozen-Brixen) angehörten, auf ihrer Reise nach Uganda 2025. Man wolle sich dabei »ein Bild der Lage vor Ort [..] machen.« Regisseur der Dokumentation ist Hannes Penn. Die Dokumentation stellt vor allem diese drei Frauen ins Zentrum des Geschehens, deren Ziel es sei: »Hilfe sichtbar zu machen, Begegnungen schaffen, Zukunft ermöglichen«. Anders ausgedrückt, zeigt der Film eine Delegation weißer Europäer:innen, die ein paar Tage einen Lokalaugenschein machen und dann wieder abreisen und in deren Hand es zu liegen scheint, eine mögliche Zukunft zu ermöglichen oder nicht. 

    Die Dokumentation spricht häufig (und zeigt diese auch filmisch) eine Perspektiven- und Hoffnungslosigkeit der dort lebenden Menschen an, der durch die Hilfe aus Südtirol entgegengewirkt werden soll. Dabei stellt der Regisseur die gezeigten Menschen vor allem als hilflose Subjekte ohne Handlungsmacht dar, die angewiesen auf die Hilfe durch den »Westen« sind. Der Regisseur beschränkt sich ferner darauf, die dort lebenden Menschen vor allem zu zeigen, zwar werden einige dort lebende (wahrscheinlich gleichzeitig privilegierte) Menschen sehr kurz interviewt, doch liegt der Fokus der Dokumentation auf den weißen Besucher:innen bzw. dort tätigen Missionaren. So wird in der Dokumentation viel über die Menschen geredet, denen es zu helfen gilt, da sie ohne Hilfe keine Perspektiven hätten, jedoch wird nicht mit ihnen gesprochen. Dadurch manifestiert sich nahezu durchgehend ein kolonialer Blick der Europäer:innen, die hier stark als weiße Retter:innen (white saviorism) durchkommen. Zwar wird in den ersten Sekunden der Dokumentation der Kolonialismus und dessen negative Auswirkungen in Uganda kurz angesprochen, doch zeigt die Dokumentation im Grunde, dass die Menschen dort immer noch abhängig gemacht werden von der Hilfe aus Europa und den dort tätigen Missionar:innen, die die Hilfsgüter verteilen und sich auch unentbehrlich machen. Zum Ende der Dokumentation besucht die Delegation ein Krankenhaus, in dem kranke, vulnerable Menschen abgefilmt werden. In Großaufnahme wird in der gleichen Szene ein augenscheinlich krankes, liegendes Kind gezeigt mit einer Sauerstoffbrille und einem schaumbedeckten Mund (ich zeige das Bild hier bewusst nicht, weil ich es nicht reproduzieren möchte). Diese Szene reiht sich sehr passend in die ganze Argumentationsstruktur der Dokumentation ein, die darauf abzuzielen scheint, die gezeigten Menschen in Uganda als hilflos und angewiesen auf die Hilfe Europas darzustellen. Wohl kaum würde man ein krankes Kind in dieser Situation im Fernsehen (oder gar überhaupt irgendwo) ausstrahlen, wenn es in irgendeinem westlichen Krankenhaus (z.B. Krankenhaus Brixen, um eines zu nennen) liegen würde. Was aber für Südtirol, bestimmt auch rechtlich gilt, kann man in Uganda anscheinend leicht umgehen. Jedoch denke ich mir, nur weil man etwas zeigen kann, muss man es nicht zwangsläufig zeigen, außer man verfolgt ein Ziel damit. Ein wenig später in der Dokumentation zeigt der Regisseur nackte Kinder und eine stillende Frau, auch hier scheint mir der koloniale und voyeuristische Blick filmisch sehr stark durchzukommen. 

    Die gezeigten Bilder dieser Dokumentation scheinen vor allem auf die Evokation von Mitleid bei den Zuschauer:innen ausgerichtet zu sein. Die Menschen in Uganda werden dabei als hilflose und auf Hilfe angewiesene Subjekte ohne Handlungsmacht dargestellt. Dabei verkennt die Dokumentation gänzlich, welche neuen Abhängigkeiten durch diese »Entwicklungshilfe« geschaffen werden, welche alten Abhängigkeiten reproduziert werden und welche Machtasymmetrien dem zu Grunde liegen.


    Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Ein profundes Nachschlagwerk.
    Europäische Minderheiten


    Christoph Perathoner befasst sich mit den Grubdlagen des völkerrechtlichen, europarechtlichen und verfassungsrechtlichen Minderheitenschutzes

    Das »Nachschlagwerk« ist die Habilitationsschrift von Christoph Perathoner. Der ehemalige SVP-Politiker und Anwalt erarbeitete eine umfassende Darstellung der Grundlagen des völkerrechtlichen, europarechtlichen und verfassungsrechtlichen Minderheitenschutzes in Europa (mehr dazu demnächst in einem Podcast mit Prof. Peter Hilpold).

    Perathoner behandelt unter den völker-, europa- und verfassungsrechtlichen Aspekten auch die mehr als ein halbes Jahrhundert alte Südtirolautonomie.

    Als Ladiner aus Gröden vergleicht er in seiner Habilitationsschrift die Lage der ladinischen (Südtirol, Trentino, Venetien) und der friaulischen Sprachminderheit (Friaul-Julisch Venetien) in Italien und ergänzt die Analyse mit einem Exkurs über die rätoromanische Sprachgemeinschaft in der Schweiz.

    Die Rätoromanen in Graubünden, die Dolomitenladiner in den Regionen Trentino-Südtirol und Venetien sowie die Friauler in der Region Friaul-Julisch Venetien sind die Reste der ehemaligen Urbevölkerung in dieser Alpenregion. Perathoner analysiert — bezugnehmend auch auf die historischen, rechtlichen und sprachwissenschaftlichen Rahmenbedingungen — die Unterschiede in den angewendeten Schutzstandards.

    Perathoner versucht die Frage zu beantworten, wie kleine Sprachgemeinschaften ihre Identität bewahren können, ohne in einer zunehmend globalisierten Welt an Sichtbarkeit zu verlieren. Nachzuhören demnächst in einem Podcast mit Christoph Perathoner.


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  • WM: Politischer Sport und nationale Orientierung.
    Quotation

    Samuel Fink hat für das Onlinemagazin Barfuss ein tolles Interview mit dem Politologen Peter Filzmaier über die laufende Fußballweltmeisterschaft geführt. Darin heißt es unter anderem:

    Vom angeblich unpolitischen Sport zu reden, ist ein GAU – der größte anzunehmende Unsinn. […] Die FIFA war seit ihrer Gründung politischer Akteur. In den Artikeln 2 und 3 der FIFA-Statuten – also sehr weit vorne – sind Völkerverständigung und Menschenrechte sowie Antidiskriminierung und der Kampf gegen Rassismus als Zielsetzung vorgegeben. Mehr Politik geht nicht. Statutarisch als Ziel im positiven Sinn, es hapert jedoch gewaltig mit der Umsetzung.

    – Peter Filzmaier

    [Es] spielen Nationalmannschaften, wobei sowohl die Spieler Nationaltrikots mit Staatswappen tragen als auch die Fans Nationalfahnen schwenken. Gleich zu Beginn des Spiels wird die jeweilige Nationalhymne gespielt und mitgesungen. Mehr nationale Orientierung geht nicht. Jede Hymne ist ja kein Tralala-Volkslied, sondern hat eine zutiefst politische und oft nationalistische Geschichte. Der Hymnentext Frankreichs beispielsweise ist sogar extrem brutal und verherrlicht Gewalt, so wie übrigens auch die italienische Hymne, die in einer Passage historisch gegen Österreich gerichtet ist.

    – Peter Filzmaier

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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  • Mehr (oder weniger) Autonomie.
    Quotation

    Alexandra Aschbacher hat für die ff ein Interview mit Francesco Palermo über die Autonomiereform geführt. Zwei Auszüge:

    Wem nützt diese Reform?

    Giorgia Meloni. Den Fratelli d’Italia. Und womöglich einigen Unternehmern in Südtirol.

    – Francesco Palermo, ff Nr. 25/2026

    Interessant finde ich den Artikel 107 zu den Durchführungsbestimmungen[.] Darin steht, dass Durchführungsbestimmungen auch »Harmonisierung« der Gesetzgebungskompetenzen zwischen Staat und Region ermöglichen. Das ist ein Eigentor — und sehr besorgniserregend. Harmonisieren ist gleich anpassen, annähern. Das bedeutet weniger Autonomie und nicht mehr Autonomie. Ich habe mehrmals darauf gepocht, diesen Artikel 107 so zu belassen, wie er war, denn er hat funktioniert. Um nicht falsch verstanden zu werden: In manchen Bereichen wird die Autonomie vielleicht stärker werden. Aber in anderen Bereichen könnte es auch passieren, dass sie zurückgeht.

    – Francesco Palermo, ff Nr. 25/2026

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07



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  • Brixen, Gennaro Sora bleibt Ehrenbürger.

    Der Gemeinderat des Eisacktaler Hauptorts hat kürzlich einen vom Team K mitgetragenen Antrag der STF versenkt, mit dem die Ehrenbürgerschaft von Gennaro Sora (1892-1949) zurückgenommen werden sollte. Sie war ihm bereits 1928 vom faschistischen Amtsbürgermeister (Podestà) verliehen worden, noch bevor er ab 1937 in Äthiopien tätig wurde.

    Dort war er federführend an der Niederschlagung des antikolonialistischen Widerstands beteiligt. Als befehlshabender Offizier gilt er als einer der Hauptverantwortlichen des Massakers von Zeret im Jahr 1939, bei dem italienische Truppen mit Giftgas, Massenerschießungen und anderen brutalen Methoden gegen die in einer Höhle eingeschlossene Bevölkerung vorgingen. Unter den Opfern befanden sich auch Frauen, Kinder und ältere Menschen.

    Der italienische Journalist Paolo Rumiz bezeichnete das Verbrechen bereits vor zwanzig Jahren als »schlimmer als Marzabotto« und »schlimmer als Srebrenica«.1la Repubblica vom 22. Mai 2006 Er verglich Zeret mit den Karsthöhlenmassakern, womit er jedoch ausblendete, dass Italien sowohl in Äthiopien als auch auf dem Balkan als Besatzungs- und Kolonialmacht agierte.

    Dass der Gemeinderat von Brixen nicht bereit war, einer historisch derart belasteten Persönlichkeit die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, ist erstaunlich und erinnert an die Beibehaltung der Ehrenbürgerschaft von Benito Mussolini in Trient (vgl.). Die neofaschistischen Fratelli d’Italia jubelten naturgemäß über die Ablehnung des STF-Antrags, wobei sich der übliche Kurzschluss offenbarte: Während sie die Karsthöhlenmassaker vehement verurteilen, begegnen sie italienischen Kriegsverbrechen mit Relativierungen und Ausflüchten.

    Gegen die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Sora stimmten neben den italienischen Rechten unter anderem auch die SVP und die Grüne Bürgerliste (GBL).

    Immerhin wurde in derselben Sitzung ein Antrag der GBL genehmigt, der eine systematische Überprüfung von Ehrungen und Auszeichnungen der Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und dem Zentrum für Regionalgeschichte vorsieht.

    Damit könnte die Diskussion um Gennaro Sora zwar auf die lange Bank geschoben, aber nicht ganz aufgehoben worden sein. Allerdings stellt sich mir die Frage, was im konkreten Fall überhaupt noch zu überprüfen bleibt. Welche Erkenntnisse benötigt man noch, um eine im Faschismus verliehene Ehrenbürgerschaft abzuerkennen?

    Cëla enghe: 01 02 03 | 04

    • 1
      la Repubblica vom 22. Mai 2006


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  • ›Letztlich entscheiden wir.‹
    Carbone delle Alpi

    Im heutigen Morgengespräch von Rai Südtirol hat sich der Energieberater und frühere SEAB-Präsident Rupert Rosanelli zur Causa Carbone delle Alpi und zu seiner eigenen Verhaftung geäußert. Unter anderem sagte er:

    Ich bin ja auch ein bisschen im politischen Umfeld tätig und habe schon Verständnis dafür, was manchmal zu solchen Entwicklungen führen kann. Ich glaube, Südtirol ist einfach mit seiner Ausprägung als Autonomie sehr erfolgreich und hat jetzt weitere Freiheiten — oder Selbständigkeiten — bekommen durch das neue Autonomiestatut, und da ist speziell der Bereich Abfallwirtschaft auch dabei. Ich will hier nicht zu weit gehen in meinen Spekulationen, das steht mir vielleicht auch gar nicht zu. Aber das Gefühl ist schon da, dass die Zentralmacht einfach aufzeigen wollte: Passt auf, ihr habt zwar viele Freiheiten, auch normativer Natur, aber letztlich entscheiden wir.

    – Rupert Rosanelli

    Transkription von mir

    Vor wenigen Tagen hatte schon der Historiker und ehemalige Landtagsabgeordnete der Grünen Hans Heiss einen Zusammenhang zwischen der spektakulären Polizeiaktion und der kurz zuvor genehmigten Autonomiereform hergestellt.

    Die Autonomie wird also auf der einen Seite mit erweiterten Zuständigkeiten ausgestattet, wofür als Gegenleistung bereits eine Schwächung des Minderheitenschutzes in Kauf genommen wurde. Auf der anderen Seite steht nun sogar der schwerwiegende Verdacht im Raum, dass der Zentralstaat Menschen verhaften lässt, um eine antiautonomistische Warnung auszusenden und den praktischen Wert dieser Zuständigkeiten wieder zu relativieren.

    Autonomie benötigt nicht nur rechtliche Grundlagen, sondern auch das Vertrauen jener Menschen, die sie ausüben sollen. Wenn Beamtinnen, Techniker und Politikerinnen befürchten müssen, bei Entscheidungen überzogenen Ermittlungen, öffentlichen Vorverurteilungen und gar Verhaftungen ausgesetzt zu werden, kann dies eine abschreckende Wirkung haben, die weit über den konkreten Fall hinausgeht.

    Umso erstaunlicher ist aus meiner Sicht die passive, geradezu apathische Haltung der offiziellen Landespolitik. Folgt man der Deutung von Heiss und Rosanelli, wäre dies ein Hinweis darauf, dass »die Zentralmacht« schon einen Teil ihres Zieles erreicht hat: Niemand begehrt auf, die Botschaft »letztlich Entscheiden wir« ist angekommen.



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  • Galateo und Bianchi marginalisieren die deutsche Sprache.
    Minorisierung

    An einem aktuellen Beispiel lässt sich wieder einmal hervorragend beobachten, wie beharrlich die italienischen Landesräte an der Marginalisierung der Minderheiten und an der schleichenden Zurückdrängung der deutschen Sprache arbeiten. Den deutschen Regierungsmitgliedern scheint dies bestenfalls gleichgültig zu sein.

    Schon 2024 hatte LH-Stellvertreter Marco Galateo (FdI) bei seinen Pressekonferenzen plötzlich die italienische Flagge eingeführt, die es zuvor an dieser Stelle nicht gab. Seither entfaltet sie dort ihre mehr als nur symbolische Wirkung. Da sie zudem zentral positioniert wird, verdrängt sie das Land Südtirol — im Landhaus! — auch »protokollarisch«.

    Landespressekonferenz: LR Luis Walcher (SVP), LRin Ulli Mair (F) und LH-Stv. Marco Galateo (FdI) (Quelle: LPA/Mauro Brucculeri)

    Der jetzige Fall betrifft eine gemeinsame Pressekonferenz von Galateo, Luis Walcher (SVP) und Ulli Mair (F). Selbst bei einem solchen Anlass ließ es sich der rechte Haudegen natürlich nicht nehmen, die italienische Staatsflagge aufstellen zu lassen. Da die anderen Koalitionspartner, insbesondere der Seniorpartner SVP, dem offenbar nichts entgegenzusetzen haben, setzt sich die Symbolik der nationalistischen Rechten Schritt für Schritt durch.

    Landespressekonferenz: LR Luis Walcher (SVP) und LR Marco Galateo (FdI), Symbolik, Sprachreihung (Quelle: Rai)

    Doch damit nicht genug: Auch die Sprachreihung lassen die italienischen Landesräte inzwischen systematisch von Deutsch-Italienisch auf Italienisch-Deutsch umstellen, wenn sie Deutsch nicht ganz weglassen (s. Bild unten). Wie die Einführung der Trikolore mag dies manchen vielleicht nebensächlich erscheinen, ist aber äußerst wirksam. Wenn Deutsch selbst auf Landesebene zur Zweitsprache wird, vermittelt dies nämlich unterschwellig eine Hierarchie — umso mehr, als es die Sprache der Bevölkerungsmehrheit ist, die hier marginalisiert wird.

    Landespressekonferenz: einsprachige Tabelle (Quelle: Rai)

    Zumindest — aber längst nicht nur — im Zuständigkeitsbereich der italienischen Landesräte ist es jetzt schon so weit.

    Solche Verschiebungen erfolgen praktisch ausnahmslos in dieselbe Richtung. Bei staatlichen Einrichtungen ist es so gut wie nie der Fall, dass Deutsch erstgereiht wird, obwohl dies im Sinne eines wirkungsvollen Minderheitenschutzes wäre (vgl.). Im Gegenteil: Oft muss man schon froh sein, wenn Deutsch überhaupt wie vorgeschrieben berücksichtigt wird — womöglich auch noch gleichwertig und einigermaßen fehlerfrei. In sehr vielen Fällen geschieht das nicht.

    Die Gemeinde Bozen verabschiedet sogar Resolutionen, wenn die italienische Sprache irgendwo nicht erstgereiht ist. Wird hingegen im Stadtviertel mit dem größten deutschen Bevölkerungsanteil irgendwo Deutsch vor Italienisch gereiht, ruft dies prompt die empörten und übereifrigen italienischen Medien auf den Plan.

    Als Walcher aufgrund seiner Zugehörigkeit zur deutschen Sprachgruppe Vizebürgermeister der Landeshauptstadt war, sprach er bei den Pressekonferenzen so gut wie nie Deutsch. Geschweige denn, dass er versucht hätte, irgendetwas an der etablierten Sprachreihung zu ändern.

    Kaum war nach der letzten Sprachgruppenzählung bekannt geworden, dass die Italienerinnen in Meran die Deutschen knapp überholt hatten, argumentierten Vertreterinnen von FdI jedoch bereits für eine Umkehrung der Sprachreihung.

    Beim Land hingegen scheint man die nationalistischen Koalitionspartner nach Belieben schalten und walten zu lassen.

    Landespressekonferenz: Sprachreihung (Quelle: Rai)

    Dabei sind Galateo und LR Christian Bianchi (FI) noch nicht einmal in der Lage — oder willens —, bei den Pressekonferenzen neben Italienisch auch Deutsch zu sprechen, während alle deutschsprachigen Landesrätinnen Fragen in beiden Sprachen beantworten. Diese Tatsache schafft schon ein Ungleichgewicht zu Lasten des Deutschen. Sie allein sollte schon Grund genug sein, darauf zu bestehen, dass die italienischen Landesräte nicht auch noch die etablierte und auf Landesebene eigentlich selbstverständliche Sprachreihung umkehren.

    Dass beide akribisch an einer ebenso schleichenden wie systematischen Italianisierung arbeiten, ist aber offensichtlich. Während es vielen Deutschsprachigen inzwischen wohl zu lästig ist, solchen Entwicklungen auch nur einen Gedanken zu widmen, verlieren nationalistische Akteure keine Sekunde. Wer all dies für bloße Zufälle hält, glaubt vermutlich auch an den Osterhasen — oder gar an die Vollautonomie.

    Von den Regenbogenfarben war bei der Pressekonferenz übrigens keine Spur. Wie praktisch: Jetzt muss der passenderweise nicht nur sprachlichen, sondern auch sexuellen Minderheiten gegenüber feindlich eingestellte Vizelandeshauptmann im Juni gar nicht mehr — wie zunächst angekündigt — den Saal der Pressekonferenz meiden. So wie er die deutsche Sprache herabstuft, kann er jetzt auch den neuen Aufsteller bequem einrollen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08



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  • ›I sun ladina‹.


    Maria Erhard aus La Pli de Mareo hat mit ihrem klugen Video-Feature über die ladinische Sprache den Claus-Preis gewonnen

    Der Clip von Maria Erhard ist ein engagiertes Statement für die kleinste Sprachgruppe im Land. Nicht rückwärtsgewandt — Maria Erhard geht es nicht um Tradition und Trachten, nicht um das Gestern, sondern um einen ladinisch geprägten Alltag. Eine Musikerin und ein Künstler kommen zu Wort, ein junger Wissenschaftler stellt sein ladinisches Übersetzungsprogramm vor. Für Überraschung sorgen drei »Neo-Ladiner:innen«, die fließend Ladinisch sprechen: Eine Sorbin aus Ostdeutschland, ein Palästinenser aus dem Westjordanland und ein Mann aus Uganda. Maria Erhard erhielt damit den Claus-Preis 2026 in Gedenken an den Sexntner ORF-Journalisten Claus Gatterer.


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