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  • Eine Frage zum Skandal um gefälschte Sprachzertifikate.

    Angesichts der sich ausweitenden Affäre um gefälschte Sprachnachweise zur Umgehung der Zweisprachigkeitspflicht im öffentlichen Dienst habe ich einigen Freunden und Bekannten privat in etwa diese Frage gestellt:

    Wo sind die italienischen Politikerinnen und Intellektuellen in Südtirol, die diesen Skandal öffentlich verurteilen und als Unterminierung unseres Zusammenlebens benennen — und zwar, ohne im gleichen Atemzug die Abschaffung der Zweisprachigkeitspflicht zu fordern?

    Ich stelle die Frage jetzt auch hier, weil mir niemand eine auch nur annähernd befriedigende Antwort geben konnte.

    Natürlich ist die Frage rhetorisch. Und zugleich auch nicht, denn an einer Antwort wäre ich tatsächlich interessiert.

    Niemand verlangt, dass alle italienischen Politikerinnen bestürzt reagieren, es muss noch nicht einmal die Mehrheit sein. Eine nennenswerte Minderheit wäre aber schön.

    Dieses nahezu vollständige Schweigen finde ich allerdings unerträglich. Ich halte es für ein fatales Signal.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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  • Constatazione poco amichevole.

    Una settimana fa, mercoledì 8 aprile, è entrato in vigore l’obbligo, per le compagnie assicurative operanti sul territorio statale italiano, di mettere a disposizione dei propri clienti il «CAI digitale». Si tratta della cosiddetta Constatazione Amichevole di Incidente, da compilare ogni qualvolta, alla guida di un veicolo, si verifichi un sinistro.

    La versione cartacea ci accompagna ormai da molti anni e in Sudtirolo le assicurazioni consegnano normalmente ai propri clienti anche una versione in lingua tedesca – o almeno questa è la mia esperienza personale.

    Il «CAI digitale» è un modulo elettronico da compilare direttamente da smartphone o computer, previo accesso tramite SPID o CIE. Tuttavia, come si può facilmente constatare con una breve verifica sui siti di alcune importanti compagnie assicurative — come Axa, Generali, Groupama o Zurich — presenti con agenzie anche in Sudtirolo, il servizio viene offerto esclusivamente in lingua italiana, senza tenere conto né delle lingue minoritarie né di altre lingue internazionali.

    Va ricordato che per l’assicurazione RC auto in Sudtirolo vige l’obbligo di bilinguismo, che però viene regolarmente e sistematicamente disatteso da quasi tutte le compagnie. Non sembra fare eccezione la Constatazione Amichevole di Incidente, che nel passaggio al digitale diventa — da plurilingue quale era — monolingue italiana.

    Si tratta dell’ennesimo esempio di come la digitalizzazione, anziché ampliare l’accessibilità, finisca per restringerla. Un arretramento che ancora una volta colpisce un ambito delicato, in cui chiarezza e comprensibilità sono fondamentali. In situazioni di emergenza o stress, l’uso della propria lingua non dovrebbe essere un lusso, ma una condizione essenziale per evitare errori.

    I soprusi e le imposizioni non sembrano avere limiti, anche se c’è chi continua a sostenere che la vera minoranza, in questa terra, siano i cittadini di lingua italiana.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 | 06



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  • Wir waren niemals woke.


    In einer Zeit der Repräsentationskrise sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen. Eine Klassenperspektive auf die Südtiroler Dialektdebatte.

    von Matthias Scantamburlo

    Dem Südtiroler Landtag gefällt der Dialekt nicht. Eine breite Mehrheit, auch Teile der deutschen Rechten, will die Alltagssprache aus dem Parlament verbannen. Die Gründe erscheinen pragmatisch und legitim: Verständigung, Zusammenleben, Minderheitenschutz. Aber die Art, wie die Dialektdebatte geführt wird, zeigt auch einen unterschwelligen Konflikt: um Lebenswelten, Status, und darum, wessen Stimme in der Demokratie zählt.

    Der US-amerikanische Soziologe Musa al-Gharbi hilft zu verstehen, warum. In seinem Buch We Have Never Been Woke. The Cultural Contradictions of a New Elite (Princeton University Press) stellt er eine einfache, aber unbequeme Frage: Warum sind es ausgerechnet die Gewinner der bestehenden Ordnung, die sich so leidenschaftlich mit den Marginalisierten identifizieren?

    Die Gewinner, von denen er spricht, sind Menschen wie ich: Akademiker, Journalisten, Kulturschaffende, NGO-Mitarbeiter – »symbolische Kapitalisten«, deren Kapital nicht in Feldern oder Fabriken steckt, sondern in Sprache, Deutung und kultureller Zugehörigkeit. Auch in Südtirol schreiben wir die Kolumnen, führen wir die Debatten, prägen wir den Ton. Nicht alle von uns sind materiell privilegiert, ich selbst war über zehn Jahre in prekärer akademischer Anstellung. Aber als Klasse sind wir stark. Und wir rechtfertigen unseren Status, indem wir sagen, unsere Arbeit sei für andere. Daraus entsteht ein Statuswettbewerb mit eigenen Codes: die richtigen Begriffe, die richtige Ausdrucksweise, die richtige Art zu argumentieren. Wer sie beherrscht, gehört dazu. Wer sie nicht beherrscht, wird sanktioniert. Nicht weil es falsch liegt, sondern weil es falsch klingt. Dieser Mechanismus begünstigt Debatten im Namen der Marginalisierten, die dabei vor allem uns selbst nützen: unserem Status und teilweise auch unseren Arbeitsplätzen. Nicht, weil unsere Motive unehrlich sind. Sondern weil wir Eliten und Altruisten zugleich sind – und unsere Codes strukturell bestimmen, wessen Stimme als legitim gilt. Und wessen nicht.

    »Ich bin kein Akademiker, ich bin kein Lehrer, ich bin der einzige Handwerker im Landtag«, sagt Hannes Rabensteiner. Er hat recht, und das ist kein Zufall. Die Politikwissenschaftlerin Lea Elsässer zeigt, dass Arbeiter und Handwerker in europäischen Parlamenten systematisch fehlen, vor allem in linken Parteien: nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil die Codes der Nominierungsprozesse gegen sie arbeiten. Er spricht Dialekt, bewusst als politisches Signal. Die Übersetzung hat dabei immer problemlos funktioniert. Christian Bianchi von Forza Italia, der den Dialekt am lautesten kritisiert, nutzt den Dienst ohnehin, auch für Hochdeutsch. Wer die falschen Codes spricht, wird sanktioniert. Nicht weil ihn niemand versteht oder wegen dem, was er sagt, sondern weil er falsch klingt.

    Symptomatisch dafür ist die Empörung über Dialekt im Landtag aus jenen Milieus, die von kultureller Deutungshoheit leben — wie beispielsweise ein Blick in die Salto-Kolumnen zeigt. In Kommentaren wird Dialekt als sprachliches Defizit gerahmt; Dialektsprecher erscheinen als unprofessionell, provinziell, intellektuell unzureichend, und wer Wittgenstein nicht aussprechen kann, hat im Landtag nichts verloren. Andere sagen: im Privaten ist der Dialekt das Echteste, Intimste, Verwurzelteste. Aber im Landtag konstruiere er ein »Wir«, das Migrant:innen, Italiener:innen und Andere ausschließe und Grundrechte gefährde. Legitime Gründe, die sich aber auch als klassisches al-Gharbi-Muster lesen lassen: man bestimmt, wo Volkskultur hingehört und wo nicht, als Folklore gerne, im Parlament nicht. Die Verbundenheit zum Dialekt gilt als echt, solange sie privat bleibt. Sobald sie politisch wird, ist sie »beliebig konstruiert« und ein Instrument. Und al-Gharbi würde weiterfragen: Nützt dieses Verbot wirklich den Migrant:innen und Italiener:innen? Wird ihre Lage dadurch verbessert?

    Die Antwort, die implizit mitschwingt, lautet: ja, weil Dialekt ins Private gehört. Aber genau diese Trennung ist eine politische Entscheidung und keine neutrale. Die feministische Bewegung hat gezeigt, dass der private Raum immer durch den öffentlichen bedingt war: Der Mann hatte die politische und wirtschaftliche Macht, die Frau blieb unsichtbar zuhause. Was als privat galt, war das Ergebnis einer Ordnung, die bestimmte, wessen Erfahrung zählt. Den Dialekt ins Private zu verbannen, bedeutet nicht, ihn zu schützen. Es bedeutet, ihn aus dem Raum zu halten, in dem Macht ausgehandelt wird. Aber wenn das Private nicht politisch sein darf, wozu brauchen wir dann Politik? Für die PolitikerInnen?

    Die Argumente der Verständigung und institutionellen Würde sind nicht falsch, aber sie werden zum Schutzschild gegen eine unbequeme Frage: Wessen Sprache gilt im Landtag als legitim? Ja, Dialekt konstruiert ein »Wir«. Die Hochsprache tut es auch. Sie konstruiert das »Wir« der Gebildeten, der Sprachsicheren, der kulturell Arrivierten – jener, für die Hochdeutsch nicht Anstrengung, sondern Selbstverständlichkeit ist. Das ist keine neutrale Lingua Franca. Hochsprachen entstehen nicht natürlich, sie werden kodifiziert und als Norm gesetzt, meist von jenen, die bereits die Macht dazu hatten. Auch die »Nabelschnur in den Norden« wurde von jemandem geknüpft. Warum gilt Dialekt als Ausgrenzung, Hochdeutsch als Demokratie?

    Hier liegt Rabensteiners Geste tiefer, als wir zugeben wollen. Jacques Rancière beschreibt Demokratie nicht als geordneten Diskurs, sondern als den Akt, die Ordnung des Diskurses selbst zu befragen: wer sprechen darf, in welcher Sprache, nach welchen Regeln. Er nennt die Verwaltung dieser Ordnung »Policing«, die stillschweigende Festlegung dessen, was als vernünftig und parlamentswürdig gilt. Demokratie beginnt genau dort, wo diese Ordnung problematisiert wird. Rabensteiner tut genau das: Er spricht im Parlament die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung und demokratisiert damit die Sprache des Parlaments. Ein Verbot »aus Respekt vor der Institution« ist kein Demokratieschutz. Es ist Policing.

    In einer Zeit der Repräsentationskrise, in der Parlamente fast nur noch Akademiker kennen und Macht immer mehr an Institutionen abgegeben wird, die niemand gewählt hat, sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen.


    Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen.· I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Hausärztinnen: Landesrat rechtfertigt einsprachige Vormerksysteme.

    Mit zwei getrennten Landtagsanfragen (Nr. 1389/26 und 1426/26) hatte die STF aufgezeigt, dass Hausärztinnen in Ulten und Andrian zur Terminvormerkung und Rezeptanfrage Apps wie MioDottore und Atlas Medica einsetzen, die ausschließlich auf Italienisch zur Verfügung stehen.

    Die Antwort von Gesundheitslandesrat Hubert Messner fällt in beiden Fällen identisch und ernüchternd aus — unter anderem schreibt er:

    [D]ie organisatorischen Aspekte der Gestaltung der ambulanten Tätigkeit [sind] dem Arzt für Allgemeinmedizin selbst überlassen.

    LR Hubert Messner

    Die Nutzung der Apps stelle lediglich ein »integrierendes« (ein Italianismus für »ergänzendes«) Angebot dar und ersetze nicht »eine telefonische bzw. direkte Erreichbarkeit«. Die Landesregierung setze auf »Sensibilisierung« der Hausärztinnen in Bezug auf den Gebrauch der Muttersprache.

    Hier wird erneut ein gefährliches Argument zur Aushebelung des Minderheitenschutzes konstruiert: Sobald ein digitaler Dienst als »zusätzlich« deklariert wird, soll die Pflicht zur Zweisprachigkeit offenbar entfallen. Dass Patientinnen in der Praxis oft mehr oder minder sanft, aber bestimmt zur Nutzung dieser — für die Ärztin bequemen — Apps gedrängt und andere Kanäle auf ein Minimum reduziert werden, ist ein offenes Geheimnis.

    Rechtlich ist die Argumentation wohl ohnehin nicht haltbar: Die Verständigung mit den Bürgerinnen hat im öffentlichen Dienst ohne Wenn und Aber zweisprachig zu erfolgen. Nirgends steht geschrieben, dass es ausreichen würde, wenn lediglich irgendein Kommunikationskanal in beiden Sprachen zur Verfügung steht. Dies hätte — und hat — auch gar nichts mit sprachlicher Gleichberechtigung zu tun, sondern stellt einen weiteren von vielen Schritten zur Marginalisierung der deutschen Sprache in Südtirol dar.

    Würde man Messners Logik folgen, könnte etwa die Bahn künftig ganz auf deutsche Anzeigetafeln verzichten, solange die Durchsagen noch zweisprachig sind.

    Man muss hier aber auch die Ärztinnen selbst kritisieren: In einem Gesundheitssystem, in dem Sprachbarrieren ohnehin schon an der Tagesordnung sind und meist mit Personalmangel gerechtfertigt werden, ist ihr Vorgehen geradezu zynisch. Die Wahl einer einsprachigen Software ist eine bewusste Entscheidung für die eigene Bequemlichkeit und zulasten der Zugänglichkeit. Indem sie ihren Patientinnen eine App vorsetzen, die viele von ihnen nicht verstehen, bauen sie überflüssige Hürden auf und schränken ihre Rechte in einem sensiblen Bereich unnötig ein.

    Unterschrieben sind die Antworten auf die beiden Anfragen bezeichnenderweise einsprachig mit »firmato digitalmente da: Hubert Messner«. Wer schon bei den eigenen Pflichten auf die Zweisprachigkeit verzichtet, dem nimmt man das Bemühen um die »Sensibilisierung« der Hausärztinnen naturgemäß nur schwer ab.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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  • Orbán abgewählt: Die Versuchung der Zweidrittelmehrheit.
    »Stabile Verhältnisse« als Gefahr für die Demokratie


    von Sigmund Kripp

    Nun ist das kaum zu glaubende Ereignis doch noch eingetreten: Viktor Orbán, der seit 16 Jahren in Ungarn regierende Ministerpräsident von der Fidesz-Partei, ist von Péter Magyar und dessen Tisza-Partei mit einem Erdrutschsieg abgewählt worden.

    Orbán und seine Günstlinge haben es wohl mit der Selbstbereicherung übertrieben, noch dazu haben sie die wirklichen Probleme Ungarns komplett vernachlässigt: Gesundheitswesen, Wirtschaft und Bildung sind offene Baustellen ohne Aussicht auf guten Abschluss.

    Aber warum hat es so lange gedauert, bis Orbán besiegt werden konnte? Schon vor vier Jahren, unter dem Herausforderer Péter Márki-Zay, sah es fast nach Machtwechsel aus, aber es ist letztlich nicht gelungen.

    Der Grund liegt im Wahlgesetz, das Viktor Orbán in den vergangenen Jahren konsequent auf einen massiven Mehrheitsbonus für die stärkste Partei hin umgemodelt hat. Ein zunächst moderater Bonus hat ihm 2014 den Wahlsieg erlaubt und vor allem die zur Verfassungsänderung notwendige ⅔-Mehrheit verschafft. Ab da ging es im Stakkato weiter: Auch ganz normale Verwaltungsgesetze wurden immer häufiger als Verfassungsgesetze formuliert und beschlossen. Es wurde klar, dass damit die Macht von Fidesz immer mehr zementiert werden sollte!

    Die letzte Korrektur am Wahlgesetz sah noch mehr Einzelwahlkreise vor, viele kleine, vorzugsweise am Land, unter gleichzeitiger Reduzierung von Wahlkreisen im städtischen Bereich, wo Orbán weniger Wähler hatte. 106 Sitze von 199 werden über diese Wahlkreise ermittelt, in denen das Prinzip »the winner takes it all« gilt. Nur 93 Sitze wurden nach dem reinen Verhältniswahlrecht zugeteilt. Insgesamt hat Orbán in den 16 Jahren über 700 Änderungen am Wahlgesetz durchgeführt, alle zu Gunsten seiner Fidesz.

    So konnte er mit sicherer Verfassungsmehrheit von zuletzt 135 Sitzen alles tun und lassen, was er und seine Fidesz wollten!

    Péter Magyar, der selbst aus der Fidesz kommt, wusste das und hat daher das Unmögliche angestrebt und auch geschafft, nämlich die gesamte Opposition zu einen und zu überzeugen, dass in den Einzelwahlkreisen nur ein einziger Kandidat der Opposition antreten darf, um die Stimmen wirklich zu konzentrieren. Und das ist am Sonntag gelungen.

    Was aber ist jetzt die Konsequenz aus dieser Wahl?

    Macht Magyar einfach mit dieser bequemen Sitzmehrheit im Parlament weiter, wie es Orbán bisher tat? Er muss das ja fast, um all die rechtsstaatlichen Verformungen, die Orbán mit Verfassungsgesetz geschaffen hat, mit einem ebensolchen wieder abzuschaffen. Das wäre ja durchaus notwendig.

    Aber dann bräuchte es den wahren Demokratiehelden Péter Magyar: Er müsste, nach Räumung des Augiasstalles, das Wahlgesetz zurückführen auf einen mitteleuropäischen Standard. Das heißt, er müsste den gewaltigen Mehrheitsbonus (er selbst hat vorgestern mit 53% der Stimmen 70% der Sitze erlangt) wieder zurechtstutzen, damit das Parlament in etwa dem prozentuellen Wahlstimmenergebnis entspricht. Diese 70 Prozent der Parlamentssitze entsprechen einem Bonus von fast 30 Prozent gegenüber dem Wahlstimmenergebnis! Das erfordert ein Höchstmaß an ethischer Gesinnung und Korrektheit, weil er ja damit für die nächste Wahl in vier Jahren seine eigene Position schwächt, bzw. einen Wahlsieg schwieriger macht.

    Aber es würde Ungarn ermöglichen, von diesem brutalen, asymmetrischen Zweiparteiensystem (eine sehr große an der Regierung – eine sehr kleine in der Opposition) wieder zurück zu einem ausgewogeneren Kräfteverhältnis zu kommen, wo eben auch einmal eine Koalition notwendig ist um regieren zu können oder um eine Verfassungsmehrheit bei wichtigen Gesetzen zu erlangen! Denn es tut einem Land nicht gut, wenn gewisse politische Gruppierungen — immer innerhalb des Verfassungsbogens — keine Chance haben, je mitzuregieren.

    Diese Wahl in Ungarn zeigt uns, wie gefährlich es ist, wenn Regierungen starke Mehrheitsboni einführen wollen, immer unter dem Motto: »Dann gibt es stabilere Verhältnisse.« Die Verhältnisse werden dann so stabil, dass der Wechsel fast ausgeschlossen wird und dies den Machthabern ermöglicht, autoritäre Regierungsweisen zu implementieren!

    Alle rechten Parteien in Europa sind dieser Versuchung ausgesetzt, auch unsere hier in Italien, selbst die SVP will Wahlkreise so einrichten, dass sie auf ewig die paar Parlamentssitze aus Südtirol bekommt.

    Insofern ist das Wahlergebnis in Ungarn ein wahrhaft europäisches Signal mit großer Wirkung auf Europa und die Welt!


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  • Ärztinnen mit gefälschtem Sprachnachweis freigesprochen.
    Italienische Justiz schützt Minderheitenrechte nicht

    Wie der Corriere berichtet, wurden zwei Ärztinnen, die mit gefälschten Sprachzertifikaten erwischt worden waren, wegen der angeblich »besonderen Geringfügigkeit der Tat« von sämtlichen strafrechtlichen Anklagepunkten freigesprochen. Alle Beteiligten haben perfekt zusammengespielt, um dieses empörende Ergebnis zu ermöglichen. Demnach soll die Staatsanwaltschaft selbst den Freispruch gefordert und diesen mit folgenden haarsträubenden Argumenten untermauert haben:

    • Das Arbeitsumfeld habe den Täterinnen aufgrund von beträchtlichem Druck, Überstunden, Bereitschaftsdiensten und Personalmangel nicht die Zeit gelassen, Deutsch zu lernen.
    • Die Abwesenheit negativer Folgen, da keine medizinischen Behandlungsfehler aufgetreten seien, die kausal auf die mangelnden Sprachkenntnisse zurückzuführen wären.

    Ich halte das für eine unerhörte Logik. Der berufliche Stress mag vielleicht teilweise erklären, warum die Ärztinnen keine ausreichenden Deutschkenntnisse erworben haben. Doch wie kann das einen Betrug zu Lasten der Allgemeinheit rechtfertigen, der mit beträchtlicher krimineller Energie begangen wurde, um sich eine Stelle im öffentlichen Gesundheitswesen zu erschleichen?

    Besonders absurd ist auch, dass die Bilingualisierung der Bevölkerung und deren Bereitschaft, aus Not oder Gefälligkeit auf ihre verbrieften Rechte zu verzichten, letztendlich als Argument für den Freispruch — und somit zur Bagatellisierung der Tat — dient. Unrecht legitimiert somit weiteres Unrecht.

    Dabei mag es zwar tatsächlich zu keinen (bzw. zu keinen gemeldeten) schwerwiegenden Fehlern gekommen sein, doch die wissenschaftliche Evidenz, dass Sprache für Prävention, Diagnose und Heilungserfolg eine essenzielle Rolle spielt, ist eindeutig (01 02 03).

    Dem Bericht zufolge haben die Ärztinnen lediglich die Zweisprachigkeitszulage erstattet, nicht aber das Gehalt für eine Stelle, die ihnen gar nicht zustand.

    Aus meiner Sicht zeigt dieser Freispruch, dass die Institutionen eines Nationalstaats im Zweifelsfall ungeeignet sind, Minderheitenschutzrechte zu schützen. Diese Rechte sind ohnehin oft unzureichend, werden dann aber noch nicht einmal konsequent zur Einhaltung gebracht. Ein weiteres Beispiel für die Untätigkeit — wenn nicht gar Komplizenschaft — staatlicher Institutionen ist das Regierungskommissariat, das absurderweise für die Bestrafung bei Nichteinhaltung der Zweisprachigkeitsvorschriften zuständig wäre, dieses Instrument aber fast nie nutzt, obwohl die Verletzungen an der Tagesordnung sind.

    Wenn es um die Verweigerung verbriefter Rechte und sogar um deren bewusste Umgehung unter Einbezug von Straftaten geht, spielen die italienischen Institutionen, aber auch Gewerkschaften, Politik und Medien perfekt zusammen. Warum sollte es anders sein, wenn die Justiz selbst außerstande und außerwillens ist, die deutsche Sprache zu berücksichtigen?

    Sind hingegen die Sprachrechte der Titularnation tangiert, wird auf jedes noch so mickrige Detail geachtet (01 02 03).

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08 09



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  • Kehrerbrücke bleibt ohne Liktorenbündel.

    Am Dienstag letzter Woche wurde im Brunecker Gemeinderat mit breiter Mehrheit ein Beschlussantrag der STF genehmigt, demzufolge die faschistischen Symbole auf der neu zu errichtenden Kehrerbrücke in Stegen nicht wieder angebracht werden sollen. Man darf wieder einmal darüber erstaunt sein, dass es in Südtirol der Initiative einer rechtsradikalen (deutschen) Partei bedarf, um zu verhindern, dass im Jahr 2026 an einem Bauwerk erneut das Relief eines Liktorenbündels montiert wird.

    Immerhin war der Antrag — wie die TAZ in ihrer Ausgabe vom 2. April berichtet — vom Team K sowie von zwei Räten der Grünen mitunterzeichnet worden. Dem Bericht ist zudem zu entnehmen, dass das Landesdenkmalamt die Empfehlung ausgesprochen hatte, die faschistischen Insignien im Falle einer Sanierung nicht abzutragen, obschon das Bauwerk nicht unter Denkmalschutz stand. Leider scheinen solche Empfehlungen in einem vermeintlich »politikfreien« Raum zu entstehen, den es aber in der Realität so nicht gibt. Man könnte es als fachliche Borniertheit bezeichnen, die den gesellschaftspolitischen Kontext ausblendet.

    Noch bezeichnender ist aber die Abwehrhaltung des italienischen Vizebürgermeisters Antonio Bovenzi (Il Polo – Civica per Brunico): Nach altbekanntem Muster soll er ernsthaft versucht haben, die Entscheidung gegen die Symbole einer Diktatur als einen gegen die italienische Sprachgruppe gerichteten Akt zu framen. Ein durchschaubares Manöver, das von anderen Räten vehement zurückgewiesen wurde. Es ist schlicht unerträglich, mit welcher Uneinsichtigkeit hier beharrlich an Relikten festgehalten wird, die — nicht nur, aber auch — für die brutale Unterdrückung der deutschen und ladinischen Bevölkerung stehen.

    Dass die Symbole, um deren Entfernung offenbar schon 1994 gestritten wurde, nun endlich aus dem öffentlichen Raum verschwinden, ist gewiss kein Angriff auf die Italienerinnen in Südtirol — es sei denn, sie huldigen dem Faschismus. Im Gegenteil war ihre jahrzehntelange Beibehaltung (und wäre insbesondere ihre Wiederanbringung) ein Affront gegen Deutsche und Ladinerinnen sowie gegen alle demokratisch gesinnten Bürgerinnen dieses Landes.

    Dass sich der Vizebürgermeister und sein Parteikollege Fabian Fistill lediglich zu einer Enthaltung durchringen konnten, bleibt ein politischer Schandfleck. Wieder einmal haben italienische Politiker in Südtirol eine Chance verpasst, sich unzweideutig vom Faschismus zu distanzieren.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06



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